13.06.2026

Weniger Hunger, mehr Chancen: was Kinder auf der Flucht schützt

Bericht zeigt Auswege bei gekürzter Nothilfe

Autor: IManner

Jedes 5. Kind auf der Welt in einem Konfliktgebiet oder flieht vor einem Konflikt. Wegen drastischer Finanzeinbrüche bei Humanitärer Hilfe können viele dieser Kinder aktuell nicht einmal mit dem Nötigsten versorgt werden. Im Vorfeld des 25. Weltflüchtlingstags hat World Vision dazu einen aufrüttelnden Bericht veröffentlicht, der die betroffenen Kinder und Familien zu Wort kommen lässt. Der Bericht "Im Schatten des Hungers" zeigt aber auch Auswege: Zugang zu Arbeit und Einkommen verbessern die Lage geflüchteter Familien erheblich. Ihre Kinder erleben weniger Hunger, Kinderarbeit, Schulabbruch und Familientrennung. World Vision ruft auf Basis dieser Erkenntnisse dazu auf, die Handlungsfähigkeit der noch auf Hilfen angewiesenen Familien zu stärken - auch durch politische Reformen.

Der Bericht erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem die Lücken zwischen Hilfsbedarf und zur Verfügung stehenden Mitteln immer größer werden. Um in dieser Lage Mut für Lösungsansätze zu machen, haben wir in Zusammenarbeit mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen sowohl geflüchtete als auch nicht geflüchtete Familien in acht Ländern befragt. Es wurden bewusst Länder mit schwieriger Ausgangslage ausgewählt. Rund zwei Drittel der befragten Familien sind zur Deckung ihrer Grundbedürfnisse auf Hilfeleistungen angewiesen. Hauptursachen dieser Abhängigkeit sind festgefahrene Konflikte, unsichere Arbeitsmöglichkeiten und eine geringe soziale Absicherung. Geflüchtete Familien sind mit vielen zusätzlichen Hürden konfrontiert, wenn sie versuchen, sich eine eigenständige Existenz aufzubauen. Dies ist durchaus typisch für die weltweite Lage, weil knapp 70 Prozent aller geflüchteten Menschen in ärmeren Ländern leben, von denen viele auch mit Instabilität zu kämpfen haben. 

Besuch bei einer aus dem Sudan geflüchteten Mutter und ihren Kindern im Tschad
Shima, Lehrerin aus Sudan: "Wir haben durch den Krieg alles verloren."

Kürzungen bei Hilfen erzeugen Hunger

Gekürzte Lebensmittel-Rationen oder wegfallende Sozialhilfen verschärfen eine ohnehin unsichere Ernährungslage, wie der Bericht zeigt. Viele Familien haben weniger Essen oder Bargeld zur Verfügung als noch im letzten Jahr, können sich im Extremfall nur eine Mahlzeit pro Tag leisten. 45 Prozent aller befragten Familien sagten sogar aus, dass mindestens ein Haushaltsmitglied am Vortag nichts gegessen hatte. Im Südsudan ist der Hunger besonders stark verbreitet, aber auch in Myanmar gaben 72 Prozent der befragten Familien an, sich Geld leihen zu müssen, um Nahrungsmittel zu kaufen. 

Die Folgen für die Kinder sind unmittelbar, aber auch langfristig fatal. Die Verschlechterung der Versorgung zeigt sich nicht nur in leeren Tellern. Stress und Zukunftsängste stellen Eltern vor schwierige Entscheidungen. Wer für den Kauf von Nahrungsmitteln Schulden aufnehmen muss, hat für den Schulbesuch eher kein Geld übrig. Reicht das Geld aber nicht für ein Frühstück, haben die Kinder keine Energie zum Lernen.

Strategien zum Überleben beenden die Kindheit

Mädchen und Jungen, deren Ernährung nicht gesichert ist, müssen auch vermehrt zum Lebensunterhalt der Familien beitragen. Sie sind häufiger zur Kinderarbeit oder zum Betteln gezwungen. Die Wahrscheinlichkeit des Schulabbruchs ist laut dem Bericht "Im Schatten des Hungers" vier Mal so hoch wie bei Kindern ohne Ernährungsprobleme. Familientrennung wird fast fünf Mal so oft erlebt. Besonders alarmierend: das Risiko einer Zwangsverheiratung steigt auf fast das Achtfache. 

Im Gesamt-Durchschnitt gaben 21 Prozent der befragten Familien an, dass ihre Kinder nur noch unregelmäßig die Schule besuchen. 11 Prozent berichteten von Trennungen zwischen Kindern und Eltern. 

Die 15jährige Shufa* aus dem Sudan hat seit ihrer Flucht in das Nachbarland Südsudan vor drei Jahren kein Buch mehr gesehen - sie sammelt mit ihrer Mutter Amal Feuerholz, um etwas Geld zu verdienen. Amal erzählt wie es dazu kam: "Wir finden hier keine Schulen, kein Lernmaterial, keine Kindergärten für unsere Kinder. Wir erhielten auch kein Essen für uns oder unsere Kinder. Wir Mütter sind erschöpft. Das Geld ging aus und wir wussten nicht was wir tun sollten. Ich bin für alles verantwortlich und deshalb begann meine Tochter mit mir zu arbeiten. Mit dem Erlös kaufe ich meinen Kindern Linsen, Kichererbsen und manchmal etwas Fisch."

Es reicht gerade zum Überleben, aber Shufa hofft sehr, dass sie nach Hause zurück kehren können oder im Südsudan eine Schule besuchen kann. "Wenn ich wieder zur Schule gehen könnte, wäre ich glücklich und würde Freunde finden", sagt sie.

Mangelhafte Versorgung zwingt geflüchtete Kinder wie dieses Mädchen aus Sudan zur Kinderarbeit.
Seit ihrer Flucht aus Darfur hat Shufa* kein Schulbuch mehr gesehen. Sie sammelt und verkauft Feuerholz um zu überleben.
„Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Kind, das immer wieder vor Gewalt fliehen muss, tagelang hungrig schläft und jeden Morgen aufwacht, ohne in Sicherheit zu sein. Im Bericht sprechen Kinder mit aller Deutlichkeit über die Realität, die sie durchleben, aber auch über ihre Träume. Ob diese zu erreichen sind, hängt vor allem von politischem Willen ab."
Amanda Rives, Direktorin für Nothilfe-Politik und Partnerschaften bei World Vision International.

Eigenständigkeit verbessert Chancen und ist ein bedeutender Schutzfaktor für Kinder

Anhand der konkreten Erfahrungen befragter Familien zeigt der Bericht auf, wie die Situation auch in Zeiten knapper Ressourcen nachhaltig verbessert werden kann. Die Möglichkeit zur Selbstversorgung erweist sich dabei als "stille Kraft im Schatten des Hungers". Wo Einkommen erzielt werden kann oder die eigenständige Deckung von Grundbedürfnissen durch Hilfsprogramme unterstützt wird, nehmen negative Überlebensstrategien deutlich ab. Kinder müssen seltener arbeiten, können eher in der Schule und bei ihren Familien bleiben. Auch sind sie weniger von Kinderheirat oder Ausbeutung betroffen. 

Die wichtigste Voraussetzung für Eigenständigkeit ist laut den meisten Befragten eindeutig der Zugang zu verlässlichen Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten. Eigene Gemüsegärten, Tagelöhner-Jobs oder gelegentliche Dienstleistungen können die Selbstversorgung zwar unterstützen, reichen aber meist nicht zur Versorgung aller Familienmitglieder aus. 

Die Studie weist darauf hin, dass ein Großteil der Geflüchteten versucht, unabhängiger von humanitärer Hilfe zu werden, dabei aber auf erhebliche Hindernisse stößt. Schon das Verlassen eines Flüchtlingslagers ist für manche sehr aufwändig, für andere sogar verboten. Zu rechtlichen und politischen Hindernissen kommen praktische hinzu: Sicherheitsprobleme, Sprachbarrieren oder auch die Unterbringung in einer entlegenen, wirtschaftlich schwach entwickelten Region. 

Was die Eigenständigkeit geflüchteter Familien am besten unterstützt:

  • das Recht zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit und die Beseitigung von Bewegungsbeschränkungen innerhalb eines Landes
  • ein integrationsförderndes Umfeld, das die Familien mit dem nötigen Wissen, Dokumenten und nicht-diskriminierenden Zugängen zu Arbeit oder Ausbildung ausstattet
  • die Förderung der Bildung und Ausbildung junger Menschen
  • Kapital und Material zur Gründung kleiner Unternehmen
  • der Abbau sozialer Hindernisse, die besonders Frauen häufig daran hindern, außerhalb des Haushaltes aktiv zu sein, auch wenn sie arbeiten wollen.

"Man muss sich immer neu erfinden" : Yesleidy und Miguel bauen in Kolumbien ein Familienunternehmen auf

Gerade bei anhaltenden Krisen bringt die Unterstützung der Eigenständigkeit sowohl den geflüchteten Familien und Kindern als auch den Aufnahmegemeinschaften große wirtschaftliche und soziale Vorteile. Sie ist - so folgert der Bericht - in Zeiten schrumpfender Finanzmittel für Hilfen - bei gleichzeitig wachsendem Bedarf - ein würdiger und nachhaltiger Ansatz. Gleichzeitig betont World Vision: Menschen in Not haben ein Recht auf Hilfe. Und: Kein Kind sollte gezwungen sein, zwischen Hunger und Sicherheit wählen zu müssen.

Der Bericht "Im Schatten des Hungers" stützt sich unter anderem auf die Befragung von fast 3.500 Haushalten in acht Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika. 

Geflüchtete Kinder aus Sudan teilen sich eine Schulmahlzeit.
Saba teilt im Flüchtlingscamp im Tschad ihre Schulmahlzeit mit ihren Geschwistern, damit sie nicht hungern.
Rohingya-Hilfe: Ernte von einem Dachgarten im Flüchtlingscamp
Shetara hat dank eines Garten-Projekts für geflüchtete Rohingya eigenes Obst und Gemüse für ihre Familie.

Eine anschauliche Zusammenfassung der Studien-Ergebnisse finden Sie auf dieser Webseite: https://www.wvi.org/world-refugee-day/Shadow-of-hunger

Hinweise für Redaktionen: 

Gerne stellen wir Ihnen Bildmaterial, Grafiken und Fallbeispiele zum Bericht zur Verfügung. Bitte wenden Sie sich - auch bei Interviewwünschen - an die Pressestelle von World Vision Deutschland.

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