Unweit von Kiew, in Bucha, stehen sauber aufgereihte Container entlang einer Straße. Sie sehen aus wie bescheidene Häuser, kleine Veranden und etwas Grün ergänzen den Eindruck von Wohnlichkeit. In einer dieser Unterkünfte lebt Inna. Die 48jährige Mutter ist eine von 3,4 Millionen Binnenvertriebenen in der Ukraine, von denen 80 Prozent Frauen und Kinder sind. Das Containerdorf, in dem sie mit einer ihrer Töchter Unterschlupf gefunden hat, ist eine „Modular City“. Günstiger, temporärer Wohnraum, in dem Kriegsvertriebene ein zumindest zeitweise neues Heim finden können.
Ein Heim, aber keine Heimat. Denn: „Mein Mann lebt und arbeitet in Mykolajiw, im dortigen Kraftwerk. Auch meine zweite Tochter lebt nicht bei mir in Bucha“.
Die Kriegserfahrungen und die Trennung von Familienangehörigen teilt sie mit vielen Bewohnern der „Modular City“. Manche der Frauen sind Kriegswitwen, die Kinder Halbwaisen, alle schweben in einem Zustand zwischen Glück, in Bucha ein Heim gefunden zu haben, den traumatischen Erfahrungen und der Sorge um die Zukunft. Zu den tiefgreifenden psychischen Belastungen kommen rechtliche Unsicherheiten. Viele Bewohner kämpfen mit dem Verlust ihres Eigentums. Da sie ihre Häuser verlassen mussten, fehlen häufig Dokumente über Besitzverhältnisse, Versicherungen oder Arbeitsnachweise. Eine Situation, die einerseits umfassende, andererseits spezialisierte Unterstützung erfordern.
Und da kommen die mobilen Teams der „Ukrainische Stiftung für Öffentliche Gesundheit“ ins Spiel. Die Stiftung ist ein lokaler Partner von World Vision und setzt täglich sechs dieser mobilen Teams ein. Sie bestehen aus Sozialarbeiterinnen, Psychologinnen und Anwälten. Gemeinsam ermitteln sie hilfsbedürftige Familien, beurteilen deren Bedarf und bieten maßgeschneiderte Unterstützung. Dank ihrer Mobilität können sie schnell auf sich ändernde Umstände reagieren. Eingesetzt werden sie in Bucha, aber auch in anderen Orten und Gebieten, in denen Infrastrukturschäden und Sicherheitsbedenken den Zugang zu formellen Hilfsangeboten erschweren oder unmöglich machen.
Die mobilen Teams bieten vielfältige Unterstützung an, von Rechtsberatungen zu Eigentumsrechten und Dokumenten für Vertreibungsfälle bis hin zu psychosozialer Betreuung zur Reduzierung von Ängsten und Stärkung der Bewältigungsstrategien. Kunsttherapie bietet den Teilnehmenden eine alternative Möglichkeit, ihre Gefühle durch Malen und Basteln auszudrücken, während Psychologen Einzelberatungen anbieten. Sozialarbeiter und Anwälte unterstützen die Bewohner zusätzlich, indem sie sie unter anderem bei behördlichen Verfahren begleiten.
Olena, eine 47-jährige Binnenvertriebene aus Donezk, beschreibt die Auswirkungen des Programms: „Diese Unterstützung hat mir wieder Hoffnung gegeben. Ich hätte nie gedacht, dass ich über meine Gefühle sprechen könnte, aber jetzt fühle ich mich in dieser schwierigen Zeit weniger allein. Die Kunsttherapie hat mir geholfen, meine Ängste auszudrücken, und ich habe wieder aufatmen können.“
Seit dem Start des Programms haben mehr als 41.000 Menschen in der Ukraine von den Angeboten der mobilen Teams profitiert. Die Hilfeleistung in Konfliktgebieten ist nicht einfach: Stromausfälle, strenge Winter und Sicherheitsrisiken erschweren die täglichen Einsätze häufig.
„Die Arbeit in Kriegsgebieten ist extrem anspruchsvoll“, sagte Nataliia Lavrenchuk, Koordinatorin des multidisziplinären mobilen Teams. „Dennoch erinnert uns jeder Mensch, dem wir helfen, daran, warum diese Arbeit so wichtig ist. Hier in Bucha sehe ich jeden Tag, wie unsere Unterstützung ein Stück Hoffnung zurückbringt.“