Kinder und Mütter in der Ukraine

Kindheit in Angst: Dauerstress in der Ukraine wird noch lange nachwirken

World Vision reagiert auf steigenden Bedarf an mobilen und stabilisierenden Hilfsangeboten

Kyjiw / Friedrichsdorf, 20. Februar 2026 – Seit dem Beginn des landesweiten Krieges in der Ukraine hat jedes fünfte Kind mindestens einen geliebten Menschen verloren. Besonders entlang der Frontlinien, aber auch in der Umgebung häufig angegriffener Städte wie Kyjiw und Dnipro haben die Kinder inzwischen auch tausende Stunden in Kellern, Schutzräumen und Bunkern verbracht, oft nur bei Kerzenlicht und ohne Heizung. Laut der Kinderhilfsorganisation World Vision zeigen besonders Kinder mehrfach vertriebener Familien Symptome von Dauerstress und haben gleichzeitig nur einen sehr begrenzten Zugang zu Schutz und Hilfen.

„Vier Jahre Krieg bedeuten für viele Kinder in der Ukraine ein ganzes Leben in Angst. Für ein Kind ist das eine Ewigkeit», erklärt Arman Grigoryan, Leiter der Ukraine-Hilfsprogramme von World-Vision. Die sichtbare Zerstörung von Wohngebieten sei nur ein Teil der Realität. „Die Schäden an der psychischen Gesundheit wachsen leise, aber sie werden die Gesellschaft noch lange prägen.“

Mobile Hilfsteams besuchen im Auftrag von World Vision vor allem Sammelunterkünfte, Transitzentren und schwer zugängliche Dörfer, wo Familien besonders mit Existenznot und mangelnder Anbindung an offiziellen Hilfsstrukturen zu kämpfen haben. Die Mitarbeitenden sehen deutliche Anzeichen dafür, dass sich die vielfältigen Probleme im Alltag dieser Familien gegenseitig verstärken; sowohl körperliche als auch psychische Belastungen sind im Umgang mit Kindern und Jugendlichen spürbar. Gleichzeitig wird ein Anstieg häuslicher Gewalt beobachtet, der ebenfalls auf anhaltenden Stress und unbehandelte Traumata zurückzuführen ist.

Bei mehrfach vertriebenen Familien kommen laut World Vision besonders viele Belastungen zusammen, denn Flucht ist jedes Mal mit Gefahren auf Fluchtwegen, aber auch mit Schulwechsel, der Auflösung von Bindungen und weiterer Destabilisierung verbunden. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage in der Region Charkiw ergab, dass nicht einmal jede dritte Familie Hilfen zum Schutz ihrer Kinder erhielt. Da der Schulunterricht häufig durch Stromausfall oder Luftalarm unterbrochen wird, sind viele Kinder gleichzeitig von Bildung – einem ebenfalls wichtigen schützenden Umfeld – abgeschnitten.

„Man darf diese Schutzkrise nicht mehr als akuten Ausnahmezustand betrachten, da sie nicht nur vorübergehend ist, sondern die Zukunftschancen der Kinder langfristig gefährdet “, sagt Janine Lietmeyer, Vorständin von World Vision Deutschland.

Die Organisation hat ihre Hilfsprogramme bereits an die Veränderungen angepasst und fördert unter anderem gezielt das Lernen und Spielen in Gemeinschaft, das den Kindern ein Stück Normalität und Kindheit zurückgibt. „Wir sind froh, dass unser Einsatz in diesem Jahr noch finanziell abgesichert ist, auch dank der anfangs hohen Spendenbereitschaft in Deutschland.“

Obwohl Hilfsmaßnahmen in einer Dauerkrise priorisiert werden müssen und die Arbeit in der Ukraine auch gefährlicher wird, startet World Vision aktuell neue Initiativen, um sowohl den Schutz der Kinder als auch ihre Bildungs- und Entwicklungschancen zu verbessern.   Neben der individuellen Hilfe, die im vergangenen Jahr knapp 20.000 Kindern und Jugendlichen zugutekam, wird auch die Kapazität staatlicher und nicht-staatlicher Kinderschutz-Organe gestärkt.  Nothilfen für Familien werden außerdem durch Ausbildungsprogramme für Jugendliche ergänzt. Seit 2022 hat World Vision insgesamt mehr als 2,3 Millionen vom Konflikt betroffene Menschen unterstützt, darunter mehr als eine Million Kinder.

Der 13-jährige Maksym aus der Region Cherson gibt in einem von World Vision unterstützten Kinderschutzzentrum Einblick in seine Erfahrungen und Hoffnungen: „Mein Leben hat sich in den letzten vier Jahren sehr verändert. Ich habe schon früh gelernt, was Angst bedeutet und wie es ist, nicht zu wissen, was morgen sein wird. Das Schwierigste war, meine Heimatstadt zu verlassen und nicht zu wissen, ob ich jemals dorthin zurückkehren würde. Trotz alledem habe ich nicht aufgehört zu träumen. Ich wünsche mir wirklich, dass der Krieg endet, damit alle Kinder ohne Sirenen und Angst leben können."