Bildung im Kriegsgebiet Ukraine

Zwei von drei Kindern in der Ukraine verpassen Unterricht aus Sicherheitsgründen

Weltweite Angriffe auf Schulen nehmen zu / World Vision: Schutz von Bildung ist entscheidend für Vertrauen in staatliche Institutionen

Kiew/Friedrichsdorf, 9. September 2026 – Anlässlich des Internationalen Tages zum Schutz von Bildung vor Angriffen warnt die internationale Kinderhilfsorganisation World Vision vor den dramatischen Folgen zunehmender Angriffe auf Schulen, Lehrkräfte und Kinder in Konfliktgebieten.

„Schulen müssen auch in Kriegszeiten geschützte Orte bleiben", fordert Janine Lietmeyer, Vorständin von World Vision Deutschland. „Ich fühle mit jeder Mutter, die um das Leben ihres Kindes auf einem Schulweg, in einem Klassenraum oder einem schlecht belüften Schutzraum zittert. Und mit jedem Schulkind, das ständig zwischen Risiko und Isolation wählen muss. Angriffe auf Bildungseinrichtungen verletzen grundlegende Kinderrechte und gefährden die Zukunft ganzer Generationen. Besonders besorgniserregend ist derzeit die Intensivierung der Drohnen-Angriffe in der Ukraine. Gleichzeitig sehen wir weltweit einen alarmierenden Trend, der entschlossenes politisches Handeln erfordert.“

Ukraine besonders betroffen - "Angriffe werden häufiger und tödlicher"

Weltweit wurden laut heute aktualisierten Daten 2024 und 2025 mindestens 9.259 Angriffe auf Bildungseinrichtungen, Lehrkräfte und Lernende (inklusive der militärischen Nutzung von Schulen) dokumentiert. Das entspricht einem Anstieg von über 40 Prozent gegenüber dem vorherigen Berichtszeitraum. Zudem steigt in vielen Konflikten die Gefahr von Entführungen und anderen schweren Kinderrechtsverletzungen. Der aktuelle GCPEA-Bericht verweist auf Vorfälle in mindestens elf Konfliktländern, in denen Mädchen durch geschlechtsspezifische Gewalt vom Schulbesuch abgehalten werden.

Die Ukraine gehört zu den am stärksten von Angriffen auf Bildung betroffenen Ländern. Eine aktuelle World-Vision-Bedarfsanalyse in fünf Regionen des Landes zeigt: Zwei von drei Kindern verpassen aufgrund von Beschuss oder Kampfhandlungen den Unterricht. Sicherheitsbedenken sind mit Abstand der wichtigste Grund. Fast jedes zehnte Kind berichtet zudem, dass die eigene Schule über keinen ausreichend sicheren Schutzraum verfügt.

„Die Angriffe werden häufiger und tödlicher“, berichtet ein Elternteil aus Mykolajiw. „Wenn Luftalarm ausgelöst wird, verbringen Kinder oft Stunden in Schutzräumen. Es ist gefährlich und unter diesen Bedingungen auch schwer vorstellbar, dass die Kinder konzentriert lernen können.“

Die Untersuchung von World Vision zeigt, was Kinder brauchen, um auch unter Kriegsbedingungen sicher lernen zu können.

„Schulen benötigen sichere Schutzräume und Kinder Zugang zu psychosozialer Unterstützung, um mit den Folgen der anhaltenden Gewalt umgehen zu können“, sagt Lietmeyer.

Unterstützung für Kinder und Lehrkräfte ausbauen

World Vision unterstützt in der Ukraine Nachholunterricht, psychosoziale Betreuung und Fortbildungen für Lehrkräfte. An sechs Schulen werden derzeit Schutz- und Unterstützungsangebote ausgebaut, darunter kinderfreundliche Räume und technische Ausstattung für den Unterricht während Stromausfällen.

Die Empfehlungen von World Vision decken sich weitgehend mit den Prioritäten des 2026 verabschiedeten UNESCO-Aktionsplans zum Schutz von Bildung vor Angriffen. Ziel ist es, Gewalt vorzubeugen und zugleich wirksame Reaktionen auf Notlagen zu stärken.

Die Lehrkräfte und das schulische Umfeld werden dabei als wichtige Akteure gesehen. Lehrerinnen und Lehrer sowie Eltern sind im Kriegsalltag oft selbst stark belastet und emotional erschöpft. Damit sie Kinder langfristig wirksam unterstützen können, benötigen auch sie gezielte Hilfe. Hier setzt ein neues Projekt von World Vision Deutschland an.

Janine Lietmeryer: „Der Schutz von Bildung ist entscheidend für das Wohlergehen von Kindern, ihre Zukunftsperspektiven und ihr Vertrauen in staatliche Institutionen. Dafür braucht es jetzt internationale Unterstützung und politisches Engagement.“