Hunger statt Schule: Kürzungen der Nothilfe treffen geflüchtete Kinder mit voller Härte
Neuer World Vision-Bericht zeigt: Weniger Nothilfe führt zu mehr Kinderarbeit, Schulabbrüchen und Frühverheiratungen
Friedrichsdorf (15.06.2026) – Als Folge von Kürzungen der internationalen Nothilfegelder leiden immer mehr geflüchtete Kinder unter Hunger, Kinderarbeit und Schulabbrüchen. Das zeigt ein neuer Bericht der internationalen Kinderhilfsorganisation World Vision zum Weltflüchtlingstag am 20. Juni. Die Organisation hat in Zusammenarbeit mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) 3.500 Haushalte von Geflüchteten in acht Ländern befragt.
Mehr als die Hälfte der befragten Haushalte kämpft demnach mit großer Ernährungsunsicherheit. Viele der Kinder hatten in den Tagen vor der Befragung kaum oder sogar gar nichts gegessen. Ursache sind unter anderem deutliche Kürzungen bei der Nahrungsmittelhilfe.
So stieg beispielsweise in Uganda der Anteil der Haushalte, die nur noch eine Mahlzeit pro Tag erhalten, innerhalb eines Jahres von einem Drittel auf mehr als die Hälfte. In Myanmar sank der Anteil der Familien, die überhaupt Nahrungsmittelhilfe erhalten, von 94 auf 54 Prozent.
Hunger beendet die Kindheit
Besonders gravierend sind die Folgen für Kinder. In Familien, deren Ernährung nicht gesichert ist, müssen Kinder deutlich häufiger zum Lebensunterhalt beitragen. Sie leisten vermehrt Kinderarbeit, brechen häufiger die Schule ab und sind einem deutlich höheren Risiko von Frühverheiratungen ausgesetzt.
Die Untersuchung zeigt: In Haushalten ohne ausreichende Unterstützung steigt die Zahl der Frühverheiratungen auf das Achtfache. Gleichzeitig brechen Kinder viermal häufiger die Schule ab, weil ihre Familien die damit verbundenen Kosten nicht mehr tragen können.
Fiona Uellendahl, Politikexpertin bei World Vision Deutschland: „Das hat Auswirkungen auf das gesamte weitere Leben der Kinder und beschleunigt noch die künftige Armutsspirale. Durch die Kürzungen der Hilfsgelder bewirkt die internationale Gemeinschaft, dass Millionen von Kindern ihrer Lebensperspektiven beraubt werden.“
Wo Geflüchtete für sich selbst sorgen können, verbessern sich ihre Chancen
Der Bericht zeigt zugleich Wege auf, wie die Lebensbedingungen von Geflüchteten nachhaltig verbessert werden können. Ein wichtiger Ansatz ist die Förderung von Selbstversorgung und wirtschaftlicher Eigenständigkeit („Self-Reliance“), die World Vision in der Arbeit mit Geflüchteten fördert.
Dabei werden Geflüchtete gezielt dabei unterstützt, ihren Lebensunterhalt selbst zu erwirtschaften. Sie werden unter anderem in Tätigkeiten ausgebildet, für die in der Umgebung ihrer Unterkunft Bedarf besteht, wie Mechaniker oder Näherinnen. Durch das Anlegen von Hausgärten können Familien Nahrungsmittel ernten, oder sie lernen den Bau von Holzhütten, um nicht mehr in Zelten oder unter Folien leben zu müssen.
Fiona Uellendahl: „Wichtige Bedingung für den Erfolg dieser Programme sind entsprechende gesetzliche Voraussetzungen in den Aufnahmeländern. So muss Geflüchteten die Arbeitsaufnahme erlaubt und Land zur Bewirtschaftung zur Verfügung gestellt werden.“
Selbstversorgung schützt Kinder
Dort, wo Geflüchtete die Möglichkeit erhalten, sich selbst zu versorgen und ein eigenes Einkommen zu erzielen, zeigen sich deutliche Verbesserungen für Kinder.
Die Zahl der Schulabbrüche sinkt um rund ein Drittel. Gleichzeitig geht auch die Zahl der Frühverheiratungen um etwa ein Drittel zurück.
Fiona Uellendahl: „In vielen Ländern fehlen jedoch die nötigen Voraussetzungen für derartige Programme. Etwa, weil die Flüchtlingslager weitab von Dörfern oder Städten liegen. Die betroffenen Kinder und Familien brauchen dringend eine zuverlässige Nothilfe. Die erheblichen Kürzungen bei den Hilfsgeldern führen zu noch mehr Leid und dazu, dass Kinder kaum noch Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben.“
Hintergrund zum Report:
World Vision hat rund 3.500 Haushalte in acht Ländern zu ihrer Lebenssituation, insbesondere zur Ernährungslage, befragt. Die Haushalte setzten sich aus Geflüchteten, Binnenvertriebenen und Gastfamilien zusammen. Befragt wurden Menschen in Südsudan, DR Kongo, Uganda, Burundi, Tschad, Kolumbien, Bangladesch und Myanmar.