„Meine psychische Gesundheit ist stark erschüttert. Vor einem Jahr habe ich meinen Mann im Krieg verloren, während ich schwanger war. Ich hatte keine Unterstützung mehr“, erzählt Hanna, alleinerziehende Mutter von drei Kindern.
Hanna ist eine von Tausenden vertriebenen Frauen in der Ukraine, deren Leben durch den Krieg auf den Kopf gestellt wurde. Der Verlust ihres Mannes während der Schwangerschaft ließ sie allein mit überwältigenden Schwierigkeiten zurück, zugleich musste sie sich um ihre drei Kinder kümmerte.
„Es ist unglaublich schwer, vor allem, weil ich alle Verantwortung alleine tragen muss“, fügt sie hinzu. Ihre Stimme zittert vor Tränen, während sie spricht, und offenbart das Ausmaß ihrer Schwierigkeiten und die Kraft, die sie aufbringen muss, um weiterzumachen.
Ursprünglich stammt Hanna aus der Region Donezk, jetzt lebt sie als Binnenflüchtling im Gebiet Kiew.
Hanna's Geschichte
Ihre Flucht begann schon Im Jahr 2016, als Hanna und ihre ältere Tochter Alina (12) wegen der eskalierenden Gewalt ihre Heimatstadt verließen.
Im Gebiet Kiew suchten sie Zuflucht und Stabilität. Hanna und ihr Mann bekamen noch zwei weitere Kinder, Milena, die jetzt fünf Jahre alt ist und Tamerlan, 7 Monate alt. Doch statt Frieden erlebten die Kinder auch in Kiew Raketenangriffe und dann starb auch noch der Vater im Krieg.
Trotz dieser Schwierigkeiten weigert sich Hanna aufzugeben. Da sie nur zu gut weiß, wie wichtig Stabilität für ihre Kinder ist, hat sie sich für das Berufsbildungsprogramm von World Vision angemeldet, das von” Aktion Deutschland Hilft” unterstützt wird.
Hanna nahm an einem dreimonatigen Programm teil, das darauf abzielte, den lokalen Arbeitskräftemangel zu beheben. Die Männer fehlen, sie kämpfen als Soldaten an der Front, oder sind gefallen. Die ständigen Angriffe auf die Infrastruktur verursachen zudem viele Schäden - die dringend behoben werden müssen. Das Ausbildungsprogramm von world Vision will genau diese Lücke schließen - und so erwarben Hanna und weitere Frauen praktische Fähigkeiten in den Bereichen Malerei, Verputzen, Fliesenlegen und – für Hannabesonders wichtig – Funktechnik.
„Ich habe mich schon immer dafür interessiert, wie digitale Geräte funktionieren – mein Vater hat mir als Kind schon vieles beigebracht“, erklärt Hanna.
Während der Ausbildung lernte sie, wie man Funkgeräte und Mikrochips repariert und häufige technische Probleme behebt. Schwierig genug, dazu kommt noch, dass ihr jüngstes Kind während der Unterrichtsstunden bei ihr ist und die Kita ihrer Tochter auch manchmal ausfällt.
Neue Chancen dank beruflicher Ausbildung
Das Programm bietet aber auch wertvolle Unterstützung bei der Arbeitsvermittlung. Vadym Strotskyi, Projektmanager bei World Vision, bemerkt: „27 Teilnehmerinnen haben die intensive dreimonatige Ausbildung abgeschlossen, Zertifikate erworben und sich neue Beschäftigungsmöglichkeiten eröffnet. Sie verfügen nun über die Fähigkeiten und das Selbstvertrauen, um bessere Arbeitsplätze zu finden, was sowohl ihrer Zukunft als auch dem Wiederaufbau der Gemeinde zugutekommt.“
Diese Entscheidung war ein Wendepunkt im Leben von Hanna und bestärkte sie in ihrer Entschlossenheit, die Zukunft ihrer Familie sichern können.
„Ich weiß, dass ich mit der digitalen Welt Schritt halten muss. Vor allem möchte ich einen Job, den ich von zu Hause aus machen kann, damit ich mich um meine Kinder kümmern kann“, fügt sie hinzu.
Die Ausbildung zur Elektrofachkraft hat Hanna aber auch noch in anderer Weise gestärkt. Das gemeinsame Arbeiten mit anderen Frauen ist zu einer wichtigen Quelle der Kommunikation, der Verbindung und der neuen Hoffnung geworden. Sie hat ihr eine Plattform geboten, auf der sie sich ausdrücken, Beziehungen aufbauen und sich als Teil eines unterstützenden Umfelds fühlen kann.
„Das bedeutet mir sehr viel“, sagt sie, „denn es geht nicht nur darum, neue Fähigkeiten zu erlernen, sondern auch darum, sich verstanden zu fühlen und Hoffnung für die Zukunft zu haben.“ Wichtig, denn so kann sie auch ihre Kinder in dieser Dauerkrise besser unterstützen - mental und finanziell.
Mit Blick auf die Zukunft hat sie, nach Abschluss des Kurses ein Studium aufgenommen, um auf den erreichten Kenntnissen aufzubauen.
„Es ist nicht einfach, Bildung und Kindererziehung unter einen Hut zu bringen. Aber ich mache weiter, weil ich ein Ziel habe. Das motiviert mich, um 5 Uhr morgens aufzustehen und mich auf mein Studium zu konzentrieren“, erzählt Hanna.
Hannas Alltag wird durch häufige Stromausfälle, die oft lange dauern können, zusätzlich erschwert. Kinder können nicht unterrichtet werden, Behörden nicht erreicht. Auch die Suche nach einer festen Arbeit ist schwierig.
„Wenn es einen Stromausfall gibt, können wir nichts tun. Keine Heizung, kein Wasser. Ich kann nicht einmal kochen“, erzählt Hanna. In ihrer kleinen, beengten Wohnung hängt alles vom Strom ab.
Diese Umstände belasten alle emotional. „Der Kleine wird launischer. Ich hatte kürzlich einen Nervenzusammenbruch, und wegen der Kälte werden wir alle immer wieder krank. Das ist unser zweiter Winter, in dem wir so leben“, erklärt sie.
Hannas Erfahrung unterstreicht die Widerstandsfähigkeit von Frauen, die sich trotz widriger Umstände um einen Neuanfang bemühen. Sie macht deutlich, wie dringend gezielte humanitäre Hilfe benötigt wird, die die Gleichstellung der Geschlechter und die wirtschaftliche Integration fördert. Wie dringend die Ausbildungen von Frauen sind, verdeutlicht diese Zahl: Im Jahr 2024 waren nur 48 % der vertriebenen Frauen erwerbstätig. Für den Arbeitsmarkt ein Schatz, der gehoben werden muss.
Wie hilft World Vision?
Durch Berufsbildungs- und Empowerment-Programme unternehmen Tausende Menschen wie Hanna wichtige Schritte, um ihr Leben neu aufzubauen und eine bessere Zukunft für ihre Familien zu schaffen.
„Ich liebe es, mit Menschen zu arbeiten und ihnen zu helfen. Mein Ziel ist es, ein eigenes Rehabilitationszentrum zu eröffnen, um Veteranen und Kindern zu helfen. Zuerst muss ich mich selbst weiterentwickeln. Ich habe große Hoffnungen für die Zukunft – ich warte nur darauf, dass meine Kinder etwas älter werden, damit ich mehr Zeit habe“, sagt Hanna.
World Vision unterstützt weiterhin den Wiederaufbau und die wirtschaftliche Stärkung in der gesamten Ukraine.
Bis Ende 2025 hatte die Organisation über 15.000 Menschen eine Berufsausbildung ermöglicht, wobei mehr als 1.500 einen Kurs in Unternehmertum und Betriebswirtschaft absolvierten.
Darüber hinaus erhielten über 300 Familien Zuschüsse für die Gründung oder Erweiterung kleiner Unternehmen – Maßnahmen, die darauf abzielen, die Widerstandsfähigkeit der Familien zu stärken und eine stabilere Zukunft für die Kinder der Ukraine zu schaffen.