Es ist heiß, trocken und staubig im Nordwesten Kenias. Kamele zupfen Blätter von den dürren Akazienbäumen, Hühner picken im Sand auf der Suche nach ein paar Samenkörnern. So wie seit Generationen, in denen die hier lebenden Frauen vom Volk der Samburu ihr hartes, entbehrungsreiches Leben bewältigen. Und doch: etwas ist anders hier im Dorf. Es gibt jetzt etwas, dass für uns in den reicheren Ländern selbstverständlich und jederzeit erreichbar ist. Und wofür Nolmugein früher bis zu vier Stunden laufen musste. Wasser. Sauberes Trinkwasser.
Der lange Weg zum Wasser
„Ich habe als Kind zusammen mit meiner Mutter das Wasser in selbstgebauten Tonnen geschleppt. Daran waren Seile befestigt und so konnten wir die Tonnen ziehen“, erzählt Nolmugein. „So hatte es auch meine Mutter gemacht. Und davor ihre Mutter.“
Der Weg führte kilometerlang über Geröll und staubigen Boden. Dazu die Hitze und die Anstrengung durch das Gewicht des Wasers. Aber das waren nicht die einzigen Erschwernisse. Durch die stundenlange Schlepperei konnte sie nicht zur Schule gehen. Keine Ausbildung absolvieren, die ihren vorgegebenen Lebenslauf als untergeordnete Frau in der Samburu-Gesellschaft umgeschrieben hätte.
Wenn Wasserholen zur Lebensaufgabe wird
Nolmugein und die anderen Frauen aus ihrem Dorf sind mit diesem Problem nicht allein.
2,1 Milliarden Menschen weltweit haben immer noch keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Neue Untersuchungen von World Vision und der Rollins School of Public Health der Emory University haben gezeigt, dass Frauen in einigen Gebieten täglich bis zu 15 Kilometer laufen, um Wasser zu holen. „Fast immer wird die Zeit und Mühe, die Frauen in die Beschaffung von Wasser investieren nicht gewürdigt. Dass schließt sie von Entscheidungsprozessen zu Hause und darüber hinaus aus“, sagt Parvin Ngala, Direktorin für Wasser, Sanitärversorgung und Hygieneprogramme bei World Vision. „Die wirtschaftlichen Folgen sind real: Wenn das Wasserholen einen Großteil ihres Tages in Anspruch nimmt und dazu noch der Zugang zu Finanzmitteln oder Ersparnissen begrenzt ist, sind die Möglichkeiten für Frauen, ein Einkommen zu erzielen, fast unmöglich.“
Ohne Einkommen kein Einfluss. Das war auch den Frauen im Dorf klar. Die Lösung: Wenn der Weg zum Wasser deutlich kürzer wird, bleibt mehr Zeit für die Schule. Oder für den kleinen Kiosk, die Hühnerzucht, die Milchverarbeitung. Also fürs Geldverdienen.
Ein Brunnen verändert das Dorf
Zusammen mit World Vision richteten die Frauen ein Wasserkomitee ein. Ein Brunnen direkt im Dorf sollte gebaut werden. Doch dafür braucht es Maschinen und die können das Dorf durch Gebüsch und über Geröll nicht ohne weiteres erreichen. „Wir haben das Gebüsch gerodet und eine Straße für die Maschinen angelegt, die kamen, um für uns sauberes Wasser zugänglich zu machen“, sagte Nolmugein. Und schon der Straßenbau war ein Schritt hin zur Gleichberechtigung: „Ich bin dafür auf Bäume geklettert, um Äste abzubrechen, auf die sich die Männer nicht getraut hatten!“, sagt Nolmugein mit einem Lächeln.
Seitdem die Straße gebaut und der Brunnen installiert wurde, haben die Frauen Spargruppen gegründet, Gemeinschaftsgärten angelegt und kleine Unternehmen gegründet. Ihre Kinder sind gesünder und leiden nicht mehr an Unterernährung aufgrund von unsauberem Wasser. Und vor allem: Die Rolle der Frauen in der Dorfgemeinschaft hat sich geändert. Sie sind selbstbewusster geworden und werden von den Männern respektiert. Wo Wasser fließt, wächst auch die Gleichberechtigung.
Vom Wassermangel zur Stärke der Frauen in Kenia