05.04.2022

Schnappschüsse der Hoffnung aus der Ukraine

Kathryn Tätzsch über Hilfe für geflüchtete Familien in Lwiw

Autor: IManner

Kathryn Tätzsch, unsere aus Süddeutschland stammende Expertin für Katastrophenhilfe und Bargeldhilfen, unterstützt aktuell von Polen aus und in der Stadt Lwiw den Ausbau unserer Hilfen in der Ukraine. Schwerpunkt ist die Hilfe für Menschen, die aus umkämpften Gebieten flüchten mussten. Kathryn Tätzsch trifft vor Ort dazu Absprachen mit Behörden und Partnern, darunter auch Kirchen. Hier schildert sie einige Eindrücke von Begegnungen mit neu eingetroffenen Flüchtlingen in Lwiw.

Es ist ein regnerischer, grauer und kalter Aprilmorgen in Lemberg (Ukraine), der den Frühling, der normalerweise in ganz Mitteleuropa für neues Leben und Freude steht, in ein anderes Licht rückt. Doch heute fand ich einen kleinen Sonnenstrahl inmitten eines Landes, das seit mehr als einem Monat von einem gewalttätigen und tödlichen Konflikt heimgesucht wird. Als ich durch die Türen der örtlichen Baptistenkirche ging, spürte ich tröstliche Wärme in dem Gebäude, das zu einem Zufluchtsort für Menschen geworden ist, die gerade den Kämpfen in der Ost- und Südostukraine entkommen sind.  

 

Kinder in einer kirchlichen Notunterkunft in Lemberg
Zwei Jungen spielen in einer kirchlichen Unterkunft in Lwiw

Drinnen lachen und spielen zwei kleine Jungen, sechs und neun Jahre alt, auf ihren Etagenbetten und vergessen vorübergehend ihre Tortur, als ich mit ihrer Mutter spreche. Sie kämpft mit den Tränen, als sie von ihrer erschütternden Reise aus Donezk berichtet, wo sie vor ständigen Explosionen, Gewehrfeuer und Zerstörung um ihr Leben fliehen mussten.   

Deshalb ist diese Kirche, mit der World Vision zusammenarbeitet, wie viele andere Kirchen, Schulen und andere Einrichtungen in der ganzen Ukraine und in den Nachbarländern Teil eines lebenswichtigen Unterstützungsnetzes für Menschen geworden, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Diese große Kirche ist zu einem riesigen Schutzraum geworden, der einige der Millionen von Menschen aufnehmen kann, die nach Westen strömen, nachdem sie ihre Lieben, ihre Freunde, ihr Zuhause und ihre Schulen zurückgelassen haben.   

 

Die Entschlossenheit und Unverwüstlichkeit dieser liebenswerten Menschen inspiriert mich und fördert meine Entschlossenheit alles Mögliche zu tun, um ihre Situation zu verbessern.
Dr. Kathryn Tätzsch, Expertin für Nothilfe bei World Vision International

Ich sprach auch mit Großmutter Olga, ihrer Tochter und einem Enkel, drei Generationen zusammen, die gerade aus dem Osten angekommen waren. Die Großmutter war immer noch fassungslos darüber, wie ihr Leben auf den Kopf gestellt wurde, als sich ihr Leben mit dem Ausbruch des Krieges in einem Augenblick veränderte. Nachdem ihr Haus zerstört worden war, lebte sie mit dem Rest der Familie vier Wochen lang in einem Keller. Die Familie hatte kaum Zugang zu sauberem Wasser, kein Internet und kaum Informationen über die Geschehnisse, außer den Geräuschen des ständigen Beschusses, der Bombardierung und der Explosionen der Raketeneinschläge. Während einer Kampfpause begannen sie ihre lange Reise mit dem Auto und dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln, bis sie schließlich in Lwiw (deutsch: Lemberg) ankamen.  Und hier, in dieser Kirche, haben sie die Möglichkeit, sich in relativer Sicherheit auszuruhen und zu erholen, denn sie wollen unbedingt in der Ukraine bleiben und hoffen, bald in ihr "normales Leben" zurückkehren zu können, anstatt Flüchtlinge im Ausland zu werden.   

Mich inspiriert die Entschlossenheit und Unverwüstlichkeit dieser liebenswerten Menschen, und sie fördert auch meine Entschlossenheit alles zu tun, was ich als Mitglied des World Vision-Teams tun kann, um ihre Situation zu verbessern. Wir sind dabei, unsere Hilfe in Notunterkünften wie diesen und auf so viele andere Arten zu verstärken. Wir leisten lebensrettende Hilfe, um die Grundbedürfnisse und Schutzbedürfnisse von fast 300.000 Flüchtlingen und Binnenvertriebenen sowie gefährdeten Mitgliedern der Aufnahmegemeinschaften in Rumänien, Moldawien, Georgien und der Ukraine (sowie über ein Verbindungsbüro in Polen) zu decken. 

Wir sind uns auch bewusst, dass die psychische Gesundheit der Vertriebenen neben der körperlichen Gesundheit unterstützt werden muss. Eine gute, entspannende Umgebung zu schaffen psychosoziale Unterstützung anzubieten ist ein entscheidender Teil der Arbeit, die wir für diejenigen leisten, die Gewalt erlebt haben, wie diejenigen, die ich in dieser Kirchenunterkunft getroffen habe.   

Die Begegnungen in  diesem kirchlichen Schutzraum werden mir immer in Erinnerung bleiben. Draußen regnet es jetzt in Strömen, aber meine Stimmung ist heiter, ermutigt und tief beeindruckt vom Glauben und der Ausdauer dieser Menschen. Und von den Unterstützern und Spendern auf der ganzen Welt, die durch ihre Gebete und Spenden so viel für diese gefährdeten Kinder, Mütter und älteren Menschen tun, um über diese Momentaufnahmen der Hoffnung hinaus zu bauen. 
 

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