07.04.2022

„Wir dürfen die Kinder in Afghanistan nicht im Stich lassen“

Interview mit Asuntha Charles

Autor: CVogel

Asuntha Charles leitet das World Vision-Büro in Afghanistan. Im Interview gibt sie einen Einblick in die aktuelle Situation der Menschen vor Ort und erklärt, warum unsere Arbeit gerade jetzt in der Krise weitergehen muss.

Asuntha, was bereitet dir im Hinblick auf die Arbeit von World Vision für die bedürftigsten Familien und Kinder in Afghanistan im Moment am meisten Sorgen?

Meine größte Sorge ist, wie wir die Menschen rechtzeitig mit Hilfe versorgen können. Organisationen wie World Vision haben es momentan schwer, Bargeld ins Land zu bringen, das dann in den Projekten vor Ort verwendet werden kann. Ohne effiziente und sichere Überweisungssysteme und Zahlungskanäle können wir nicht auf die Ressourcen zugreifen, um den Menschen, die es am nötigsten brauchen, sofort effektiv und effizient zu helfen. Und während wir über die Politik reden, sterben Kinder an Unterernährung und Hunger, verkaufen Familien menschliche Organe und Kinder, um ihren Nahrungsmittelbedarf zu decken. Das hält mich nachts wach. Die Situation verschlimmert sich von Tag zu Tag.

Die Situation verschlimmert sich von Tag zu Tag.
Asuntha Charles, Leiterin des World Vision-Büros in Afghanistan

Wie hat sich der politische Machtwechsel in Afghanistan im vergangenen Jahr auf eure tägliche Arbeit ausgewirkt?

World Vision hat sich zusammen mit anderen Hilfswerken verpflichtet, im Land zu bleiben und zu helfen. Wir sind in den schwierigsten Momenten geblieben, um unsere Solidarität mit den Menschen in diesem Land auszudrücken. Wir waren aber auch schon in den letzten Jahren in Gebieten tätig, die unter dem Einfluss der Taliban standen. Seit dem Regierungswechsel hat sich in gewisser Weise die allgemeine Unsicherheit im Land verringert, weil es weniger kriegerische Auseinandersetzungen gibt. Aber es bleibt noch einiges zu tun, damit alle Afghaninnen und Afghanen Zugang zu Hilfe bekommen und humanitäre Organisationen wie World Vision sicher und ungehindert arbeiten können. Unsere Hauptaufgabe liegt auch weiterhin darin, bedürftigen Menschen, vor allem Kindern, zu helfen. Das war schon vor der Machtübernahme durch die Taliban so und ist auch jetzt so. World Vision hält sich bei der Arbeit an die humanitären Grundsätze der Neutralität und Unparteilichkeit.

In der westlichen Welt hat man derzeit den Eindruck, dass die Arbeit, die in den letzten Jahrzehnten in Afghanistan geleistet wurde, umsonst war. Was ist deine Meinung dazu?

Wir setzen uns leidenschaftlich dafür ein, etwas für Kinder und ihre Familien zu bewirken. Auch wenn die Lage schlimm ist, gibt World Vision die Hoffnung nicht auf, dass es wieder besser werden kann. Wir stehen seit 20 Jahren im Dienst des Landes und sind trotz aller Schwierigkeiten so widerstandsfähig wie die Menschen in Afghanistan. Fortschritte, so langsam sie auch sein mögen, sind gemacht worden. Sie werden nicht umsonst sein. Wir können die Kinder und Menschen in Afghanistan jetzt nicht im Stich lassen. Wir müssen den notleidenden Gemeinschaften weiterhin zur Seite stehen, um ein selbständiges Land zu schaffen.

Asuntha Charles in einer World Vision-Gesundheitsklinik
Asuntha Charles hält ein Kleinkind
Auch wenn die Lage schlimm ist, gibt World Vision die Hoffnung nicht auf, dass es wieder besser werden kann.
Asuntha Charles, Leiterin des World Vision-Büros in Afghanistan

Wie wirkt sich die anhaltende Dürre in Afghanistan auf eure Arbeit und auf das Leben von Kindern aus?

Mehr als die Hälfte der afghanischen Bevölkerung leidet unter akuter Nahrungsmittelknappheit. Die Dürreperiode 2021/22 hat mehr als 80 % des Landes erfasst, die Nahrungsmittelproduktion lahmgelegt und die Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Dies wird vermehrt zu Fällen von akuter Unterernährung bei Kindern führen. Immer mehr Familien sind vom Hungertod bedroht und nicht mehr in der Lage, sich selbst zu ernähren. Sie benötigen dringend Unterstützung, nicht nur in Form von lebensrettenden Nahrungsmitteln, sondern auch in Form von landwirtschaftlichen Betriebsmitteln, um ihren Lebensunterhalt wieder zu bestreiten.

Welche Aufgaben haben die mobilen Gesundheitskliniken, die World Vision betreibt, und warum sind sie in dieser Zeit so wichtig für die Familien?

Sie retten Leben, denn sie bieten bedürftigen Afghaninnen und Afghanen grundlegende, aber wichtige Unterstützung, insbesondere für schwangere und stillende Frauen sowie für unterernährte Babys und Kinder. Unsere Kliniken stellen Medikamente bereit und erreichen Menschen, die sonst nicht erreicht werden würden. Und abgelegene Regionen gibt es viele in Afghanistan. Dort haben die Menschen oft nicht einmal Zugang zu Medikamenten, geschweige denn einem Gesundheitszentrum. Sie müssen mehr als eine Stunde laufen, um die nächste Einrichtung zu erreichen. Das stellt auch angesichts der Gefahren in Konfliktgebieten und der Diskriminierung von Frauen ein besonderes Hindernis für ältere Menschen und Frauen dar.

Wie wirkt sich die derzeitige Situation auf Sie persönlich aus und wie gehen Sie mit diesen schwierigen Zeiten um?

World Vision Afghanistan besteht derzeit aus über 500 einheimischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie etwa 15 ausländischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ihr Engagement und ihre Hingabe für Afghanistan stärken mich und motivieren mich, jeden Tag weiterzumachen. Kinder sind das größte Kapital, um Frieden, Erholung und Wohlstand zu erreichen. In den zehn Jahren, in denen ich in und außerhalb dieses wunderschönen, komplexen Landes gearbeitet habe, habe ich gesehen, dass Afghanistan trotz der großen Herausforderungen eine Nation ist, die versucht, voranzukommen, und das ist für mich der motivierende Faktor. Ich bin sicher, dass wir diese Herausforderungen gemeinsam meistern und Lösungen für das Wohlergehen der Kinder in diesem Land finden werden. Sie haben ein Recht darauf, ohne Angst und in Sicherheit zu leben. Wir müssen es viel besser machen als bisher.

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