22.10.2019

Irak: Traumatherapie für Sama

Sie erlebte den Tod ihrer besten Freundin

Autor: Dirk Bathe

„Wir haben früher täglich zusammengespielt. Ich klopfte immer an ihre Tür und sie kam heraus und wir spielten. Wir spielten mit Springseilen, Perlen und viele andere tolle Spiele. Gemeinsam schrieben wir eine Geschichte und versteckten sie damit sie niemand findet. Wir haben unsere Erinnerungen aufgeschrieben. Sie schrieb ihren Namen, Shaima*, und ich schrieb meinen Namen, Sama*. Jetzt versuche ich mich zu erinnern, wo wir das Blatt Papier versteckt haben. Ich weiß nicht, wo es ist.“ Dieses Stück Papier ist die liebevollste Erinnerung, die Sama an ihre beste Freundin Shaima hat. Shaima wurde bei der Befreiung der irakischen Stadt Mossul vom IS getötet. Samas Geschichte ist außergewöhnlich für ein Kind von nur vierzehn Jahren. Doch sie ist nur eine von vielen traumatischen Geschichten, die die Kinder aus Mossul erzählen.

Sama im irakischen CFS

Sama erinnerte sich noch ganz genau an diese schreckliche Nacht, die ihr gesamtes Leben veränderte: „Es war schon dunkel, spät in der Nacht und schliefen. Plötzlich gab es einen sehr hellen Blitz, und nach dem Blitz eine ungeheure Explosion. Wir haben sofort gewusst, dass etwas passiert ist. Das Schrapnell erreichte unser Haus und alle Fensterscheiben in unserem Haus gingen zersplitterten. Draußen war überall Feuer. Ich konnte in dieser Nacht nicht mehr schlafen. Ich hatte sehr große Angst. Am nächsten Tag sah ich, dass das Haus von Shaima getroffen wurde. In diesem Haus lebte sie mit ihren Eltern, ihrem Bruder und ihrer Schwester. Alle außer ihrem Bruder sind in dieser Nacht gestorben. Er überlebte, verlor aber sein Augenlicht und wurde entstellt.“ Sama verlor nicht nur ihre beste Freundin, sondern innerhalb einer Woche verlor sie auch ihre Cousine, die ihr sehr nahe stand. Die Erfahrung war für Sama so schockierend, dass sie sich völlig von der Außenwelt isolierte. Sie hörte auf Freunde zu treffen und sie aß nicht mehr.

Schon für einen Erwachsenen ist es schwierig mit solchen Tragödien umzugehen. Erst recht für ein Kind: „Ich war sehr von diesen Erfahrungen betroffen und ich stellte mir vor, dass ich auch so getötet würde wie sie. Ich verlor meine Freunde aus den Augen und mochte mich nicht mit anderen treffen und ging noch nicht einmal auf unseren Haushof.“

Ein Lichtstrahl in ihrem Leben

Eines Tages in der Schule kamen einige Leute in die Schule und überreichten ihr einen Informationsflyer über ein Kinderschutzzentrum (Child Friendly Space). Obwohl es eine große Überwindung war, entschloss sich Sama, das Angebot anzunehmen und an den Veranstaltungen im Kinderschutzzentrum teilzunehmen. Also bat sie ihre Eltern, sie in das Zentrum zu bringen. Im Zentrum erregte sie sofort die Aufmerksamkeit der Betreuerin Zahra. Ihr fiel auf wie ruhig und zurückgezogen Sama war. An ihrem ersten Tag nahm sie an nichts teil und sprach auch nicht mit Anderen. Deswegen machte Zahra den ersten Schritt und ging auf das eingeschüchterte Mädchen zu: „Ich begann, mit ihr zu sprechen und fragte sie was los sei. Als sie nicht antwortete, fragte ich erneut.“ 

Ich stellte mir vor, dass ich auch so getötet werde.
Sama, 14 Jahre alt

„Dann begannen wir mit einem Spiel, in dem es um Frieden und das Leben geht. Sie machte mit und lernte die Bewegungen, die sie im Spiel ausführen musste.“ Allmählich bauten Zahra und Sama eine so starke Verbindung auf. Die Beziehung veränderte Samas Sicht auf das Leben völlig und half ihr die Dunkelheit hinter sich zu lassen.

Bevor sie Zahra kennengelernt hatte, dachte Sama darüber nach, die Schule zu verlassen. Sie glaubte nicht mehr, dass sie die Jahre aufholen könnte in denen sie nicht in der Schule war und niemand ermutigte sie die Schule fortzusetzen. Tatsächlich erzählte ihr ihre Tante, dass alle Mädchen in ihrem Alter zu Hause bleiben und dass die Schule nichts Gutes für sie tun würde. Sama war verwirrt eigentlich wollte sie lernen und gerne ihre Ausbildung abschließen, aber all das was während des Konfliktes geschehen war hinderte sie daran. Zahra half ihr jedoch, anders zu denken und ermutigte sie, ihre Ausbildung fortzusetzen. „Sie ermutigte mich zum Lernen. Sie half mir in der Schule und sie war Schritt für Schritt bei mir. Als ich Zahra kennenlernte, änderte sich mein Leben. Sie sagte mir, ich solle mich nicht von der Dunkelheit überwältigen lassen. Ohne ihre Hilfe wäre es mir in der Schule nicht gelungen.“ Sama schloss allmählich Freundschaften im Zentrum, was ihr half, die Leere und Trauer, die sie durch den Verlust ihrer Freundin Shaima empfand, zu überwinden.

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Zhara und Sama
CFS im Irak

Zahra hat die Veränderung bei Sama beobachtet und sich über die immer größer werdende Offenheit des Mädchens gefreut: "Ich sah, wie sich ihre Persönlichkeit völlig veränderte. Ich spürte, dass sie offen für die Menschen wurde und ihnen vertrauen konnte. Sie sprach von Herzen mit Menschen, mit denen sie sich wohlfühlte.“ Auf die Frage, was ihr Ratschlag für andere Mädchen in Samas Alter wäre, die Tragödien wie sie erlitten haben, sagte Zahra nachdrücklich: „Lass nicht zu, dass negative Gedanken dein Leben beeinflussen. Denk an die Zukunft und die kommenden Jahre.“ Sama blickt nun positiv in die Zukunft und möchte eines Tages Zahnärztin werden.

Das Kinderschutzzentrum ist eines von zwölf Zentren, die von World Vision Irak in Partnerschaft mit Al Ghad betrieben und vom Auswärtigen Amt und World Vision Deutschland finanziert werden. Es empfängt täglich 102 Kinder. Die zwölf Child Friendly Spaces haben 6.720 Kindern wie Sama, die von Konflikten betroffen sind geholfen, sich von ihren psychischen Verletzungen zu erholen.

*Die Namen wurden geändert

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