19.04.2022

Interview: Dörfer der Zukunft

Buli Hagidok erklärt die „Ökodorf“-Initiative von World Vision in Bangladesch

Autor: IManner

Wenn Kinder dabei gefördert werden, ihre eigene Vision einer besseren Welt umzusetzen, kann Großes entstehen. Das beweist Buli Hagidok aus Bangladesch.
Als erstes Mädchen ihres Dorfes konnte das jüngste Kind einer Handwerker- und Bauernfamilie aus dem indigenen Volk der Gao die Universität besuchen – dank einer Patenschaft und eines Stipendiums von World Vision. Weit weg von allen größeren Städten und mangels Strom und Straßen kaum mit der Außenwelt verbunden, schickten die meisten Familien ihre Kinder auf die Felder und verbanden mit höherer Bildung vor allem die Chance, eines Tages eine Ärztin im Dorf zu haben. Buli Hagidok fand die Idee gut, doch es kam anders.

Sie studierte Agrarwissenschaften, begann früh sich für benachteiligte Kinder zu engagieren und übernahm bald die Leitung erster Entwicklungsprojekte. Weil sie hohe Einsatzbereitschaft und Führungstalent zeigte, wuchs ihr Verantwortungsbereich. Heute gehört Buli Hagidok dem Führungsteam von World Vision Bangladesch an und setzt thematische Initiativen um, die über ein einzelnes Projekt hinausreichen.

2021 brachte Buli Hagidok mit ihrem Team eine landesweite „Ökodorf“-Initiative an den Start, und wir haben die 40-jährige gefragt, was dort passiert.

Portraitfoto von World Vision-Mitarbeiterin Buli Hagidok
Buli Hagidok: einst ein World Vision-Patenkind, heute Leiterin der "Ökodorf"-Initiative von World Vision in Bangladesch

Worum geht es bei der Ökodorf-Initiative?

World Vision hat sich vorgenommen in allen Projektregionen des Landes Dörfer dafür zu gewinnen, sich für eine wirklich nachhaltige Entwicklung zu entscheiden. Das ist ein großes Projekt, denn wir arbeiten in der Hälfte aller Distrikte von Bangladesch und haben es dort mit vielen sehr armen Menschen zu tun. Bisher beteiligen sich 123 Dörfer in 23 Regionen an der Initiative  und es werden fast täglich mehr. 

Als „Ökodorf“ betrachten wir eine Gemeinschaft, die danach strebt, sich wirtschaftlich weitgehend selbst versorgen und ihre Kinder gesund ernähren zu können und durch das Verhalten der Bewohner möglichst geringe negative Auswirkungen auf die Umwelt verursacht. Gleichzeitig legt ein „Ökodorf“ großen Wert auf sozialen Zusammenhalt und gemeinschaftliches Engagement, an dem sich auch Kinder aktiv beteiligen. Es gibt bereits Vorbilder dafür in anderen Ländern und in kleinem Maßstab auch in Bangladesch. 

Gab es einen besonderen Anlass, diese Initiative ins Leben zu rufen?

Ja. Wir haben gelernt, dass es nachhaltiger ist, den Menschen Fähigkeiten zu vermitteln, als ihnen Dinge zu geben. In den letzten Jahren ist es uns immer wichtiger geworden, sie auch dazu zu motivieren ihre natürlichen Ressourcen besser zu schützen, denn Bangladesch ist sehr anfällig für Katastrophen. Durch Stürme, Fluten, Erosion der Hügel und Vernässung der Böden verlieren die Menschen immer häufiger ihre Ernten, ihr Vieh, ihre Häuser und ihr Einkommen. Der Klimawandel verstärkt die Probleme der wachsenden Bevölkerung.

Mit biologischem Anbau von Gemüse können Frauen in Bangladesch auch auf einer kleinen Landparzelle die Ernährung ihrer Familien verbessern.
Für Umweltschutz sensibilisiert: Eine Bewohnerin eines von World Vision unterstützten Dorfes in Bangladesch sammelt Plastikabfälle fürs Recycling.
Mit energie-effizienten Öfen können Dorfbewohner in Bangladesch CO2-Emissionen reduzieren und Brennstoffe sparen.
Rani aus Bangladesch hat Spaß an ihrem hängenden Garten - mit gesammelten Altplastik-Flaschen als Gefäßen, in dem das angepflanzte Gemüse besser vor einer Überschwemmung geschützt ist als auf dem Boden.

Welche Ansätze können in einem Dorf in Bangladesch funktionieren und bei welchen Themen fangt ihr an?

Wir schauen uns die Situation vor Ort genau an und legen gemeinsam mit den Dorfgemeinschaften fest, welche Ansätze wir dort ausprobieren. Unser Konzept verfolgt aber einige Schwerpunkte. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass alle Maßnahmen auch dazu beitragen sollen, den Lebensunterhalt armer Familien zu sichern und dazu gehört auch die Katastrophenvorsorge. Wir fördern aktuell vorrangig folgende Ansätze:
 

  • Familien mit kleiner Landparzelle oder Hof bauen ihr eigenes Gemüse und Obst mit Permakultur an und Bauern stellen auf organische Landwirtschaft mit regional verfügbarem Saatgut um. Die Permakultur kann Frauen eigene Einkommensquellen erschließen.
  • Bäume werden geschützt und nachgepflanzt.
  • Die Haushalte verwenden energiesparende Öfen (eventuell lokal oder regional produziert) und nach Möglichkeit auch klimafreundliche Brennstoffe oder nutzen Solarenergie.
  • Das Dorf nutzt Techniken zur Regenwasser-Speicherung und legt erhöhte Speicher an, damit diese vor Fluten geschützt werden.
  • Das Dorf erarbeitet ein Konzept für Abfallmanagement und -recycling und koordiniert die Umsetzung mit den zuständigen Behörden. Die Vermeidung von Plastik ist ebenfalls ein Thema in dem Zusammenhang.
  • Kinder und Jugendliche erhalten ebenso wie Frauen und Männer Mitspracherechte bei der Planung und Umsetzung.
Kompostierung von Bioabfällen in Bangladesch
Eine Dorfbewohnerin "füttert" ihren Rundkompost.
Weniger Dünger-Bedarf durch Kompost-Herstellung im Ökodorf in Bangladesch
In dem runden Gefäß wird Wurmkompost für die Permakultur herangezüchtet.

Wie geht ihr vor, um die Dörfer für diese Veränderungen zu begeistern und zu befähigen? 

Wir haben einen Leitfaden für den Prozess erarbeitet, mit dem unsere Mitarbeitenden das „Ökodorf“-Modell in ihre Arbeit in den Projektgebieten integrieren können. Ich habe vor allem eine motivierende Rolle dabei.

In den Projektregionen arbeitet World Vision eng mit den schon etablierten Dorfentwicklungskomitees zusammen. Diese Komitees erhalten eine Einführung in die Themen, sammeln Informationen zur Ausgangslage und zu Interessen am Umweltschutz in den Dörfern, beispielsweise zum Interesse an Permakultur. So erhalten wir Vorschläge mit welchen „Pionier“-Haushalten oder auch welchen Ansätzen wir starten könnten. Dann beauftragen wir unsere technischen Spezialisten oder auch Experten von Regierungsstellen damit, vor Ort Schulungen anzubieten. Unsere lokalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begleiten dann den Prozess mit unserer Unterstützung.

World Vision-Schulung für die Gestaltung eines umweltfreundlichen Dorfes in Bangladesch
Die teilnehmenden Dörfer erhalten Schulungen und kommen zum Erfahrungsaustausch zusammen.

Im Idealfall kann ein Dorfkomitee sich bei einem Besuch in einem schon erfahreneren Dorf zusätzliche Anregungen holen bzw. schon Ergebnisse sehen, beispielsweise bei  einer unserer Frauengruppen, die inzwischen mit der Herstellung und dem Verkauf von Wurmkompost Geld verdienen. Wir unterstützen die mitmachenden Haushalte auch darin, regelmäßig zusammen zu kommen, um ihre Erfahrungen und Herausforderungen zu diskutieren. Außerdem bieten wir Coaching beim Planen, Sparen und Investieren sowie beim Aufbau einer Gemeinschaft an, in der alle – auch die Kinder – ihre Rechte wahrnehmen können. Unser Plan sieht weiter vor, dass sich die lokalen Ökodorf-Initiativen jeweils in einer regionalen Messe präsentieren, damit sich die Ideen und das dazugehörige Wissen verbreiten. 

 Obstanbau wird im umweltfreundlichen Dorf mit anderen Baumpflanzungen kombiniert,
Durch Obstanbau und -verkauf können die Familien sich gesünder ernähren und zusätzliches Einkommen erwirtschaften.

Wie ist es möglich, mit dem Projekt die Rechte von Frauen und Kindern in Bangladesch zu stärken?

In den „Ökodörfern“ verschaffen wir den Frauen neue Möglichkeiten eigenes Geld zu verdienen. Das gibt ihnen die Möglichkeit, einen finanziellen Beitrag zum Lebensunterhalt der Familie und zur Ausbildung der Kinder zu leisten. Außerdem nehmen sie an Bildungsveranstaltungen zu Themen wie Gleichberechtigung und Kinderrechten teil. Das sensibilisiert, fördert Respekt und ermöglicht ein faires Miteinander. 

Das könnte Sie auch interessieren

Dein Erlebnis Kinderpatenschaft

Schenke Zukunft, feiere Erfolge, teile Freude mit deinem Patenkind!

"Friedensstifterin ist meine Lebensaufgabe"

Mayley hat als 12-Jährige die Kinder-Friedensbewegung in Kolumbien mitbegründet.

Kindheit im Müll

Hunderttausende Kinder in den Müll-Slums von Indonesien, Sri Lanka und den Philippinen brauchen Hilfe