Mädchen zeigt Tilapia aus Fischzucht in Kenia - gefördert von World Vision

Sieg am Viktoriasee: Fischzucht lässt Frauen und Mädchen aufrecht gehen

BMZ und World Vision entwickeln Alternativen zu Ausbeutung von Mensch und Natur
Author: IrisManner  | 
24. Januar 2019
Author: IrisManner
Fischer tragen Fische an einer Stange am Viktoriasee in Kania. Fotos: Steffen Kugler

Der Viktoriasee wirkt wie ein Meer, doch seinen einstigen Reichtum an Fisch hat er verloren.

Am Strand des Viktoriasees warten morgens viele Frauen mit Schüsseln und Körben auf die Fischer.

Am Strand warten morgens viele Frauen mit Schüsseln und Körben auf die Fischer.

Eine junge Fischhändlerin wartet am Strand des Viktoriasees auf das Anlanden der Fischer.

Gerade erst Anfang 20, hat die junge Fischhändlerin schon zwei Kinder, die sie allein ernähren muss.

Fischverkauf durch Fischer am Sindo-Beach in Kenia

Der Fisch für den lokalen Markt wird direkt aus den Booten heraus von den Fischern an die Frauen verkauft.

Ein Fischer am Viktoriasee verhandelt mit Händlerinnen

Oft reicht der Fischfang nicht für alle. Es wird heftig verhandelt.

Frauen reinigen frisch gekauften Fisch im Viktoriasee

Die Frauen reinigen die kleinen sardellenartigen Fische im See.

Handsortierung von Fischen am Viktoriasee

Nicht verkaufbare Fische werden von Hand aussortiert.

Eine Fischhändlerin am Viktoriasee trägt ihre Ware auf dem Kopf.

Auf dem Kopf tragen die Fischhändlerinnen ihre Ware nach Hause. Wer Glück oder gute Beziehungen hat, wird mit dem Motorrad gefahren.

Mädchen vor einem Shop am Fischer-Strand in Kenia

Sie will keine Fischhändlerin sein und betreibt lieber einen kleinen Laden, hofft aber auf bessere Chancen.

15 Jahre lang hat auch Peres Anyango, die mit ihrer Familie in Sichtweite des Viktoriasees lebt, als Fischhändlerin am Strand gearbeitet und sich den Bedingungen gefügt. "Wenn ich Fisch bekommen wollte und nicht viel Geld hatte, musste ich mich mit einem Fischer anfreunden", erzählt sie. "Als "Freundschaft" umschreiben die meisten Frauen die sexuelle Ausbeutung, die in der Luo-Sprache "Jaboya" genannt wird. „Es ist ein schmutziges Geschäft, das in Verbindung mit Unwissenheit viel Unglück in die Familien dieser Gegend gebracht hat und an der Küste HIV verbreitet“, sagt Peres, die ihr Alter auf 55 Jahre schätzt. Sie fügt hinzu: "Ich hatte keine andere Wahl, denn meine Kinder brauchten Essen und Geld für die Schule."

Peres und ihr Mann Raphael wollen ein besseres Leben für ihre Kinder und Enkelkinder. Deshalb unterstützen sie ihren Sohn Justus bei einem Experiment: der Kombination aus Fischzucht und Gemüseanbau. 

Justus Rowa hat sich von World Vision darin schulen lassen, wie man Süßwasserfische in großen Regenwasser-Auffangbecken züchten kann. Mit Unterstützung von Fachleuten und Freunden konnte er inzwischen drei Becken anlegen, in denen jeweils bis zu 1.000 Jungfische aufgezogen werden. Sein Gemüse baut er gleich daneben an. So kann es mit Hilfe einer Pumpe aus dem Fischteich bewässert und zugleich gedüngt werden. Das Wachstum von Algen, die den Fischen als Nahrung und Schutz dienen, kann umgekehrt durch Abfälle aus Gartenbau, Fisch- und Hühnerzucht angeregt werden. So entsteht ein Kreislauf.

"Diese Arbeit ist viel leichter und bringt mehr ein", berichtet Peres. Im Durchschnitt verdiene ihre Familie pro Becken etwas mehr als 1.000 Euro mit ausgewachsenen Tilapia, mit kleineren Fischen oder kleineren Ernten zwischen 700 und 800 Euro. Der Verdienst am Gemüse kommt dazu. "Meine Enkel können jetzt lachen, weil wir reichlich gesundes Essen auf dem Tisch haben", sagt sie lachend. Sie würde aber gern noch erleben, dass Frauen ihr eigener Chef werden. "Dann würde sich ganz viel verändern", glaubt sie.
 

Raphael Rowa und Peres Anyango haben am Viktoriasee mit Hilfe von World Vision auf Fischzucht umgestellt.
Der Kenianer Justus Rowa betreibt mit Unterstützung von World Vision Fischzucht in Kombination mit Gemüseanbau.

Rose Atieno managt ihre integrierte Fischzucht schon selbst. "Ich habe mein Geschäft am Strand verlassen, als ich gesehen habe, wie gut sich die Fischzucht entwickelt", erzählt sie. Bereut hat sie es bisher nicht. "Mein Gemüse verkaufe ich an eine Sekundarschule - zu  umgerechnet knapp 40 Euro im Monat." Einnahmen hat sie auch vom Fischverkauf und von dessen Erlösen. Sie hat Milchziegen gekauft. "Milch bringt mir rund 32 Euro im Monat ein, und ich halte außerdem Hühner. Ich bin jetzt eine glückliche Züchterin und rate vielen jungen Frauen, auch das würdelose und gefährliche Geschäft Sex gegen Fisch aufzugeben."

Fischzucht im World Vision-Projekt in Kenia

Nachhaltige Fischzucht statt Ausbeutung am Viktoriasee

Bundesregierung fördert mit World Vision die Sicherung gesunder Ernährung in Kenia

Potenziale der Fischzucht werden durch Patenschaftsprogramme verstärkt


Das 2016 gestartete Projekt zur Einführung der integrierten Fischzucht wird in drei Regionen des Suba-Distrikts durchgeführt und vom Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) bis 2020 gefördert. 900 Haushalte sollen direkt damit erreicht werden. Zugleich wird die Infrastruktur für besser organisierten, faireren Handel mit Fisch und mit Zulieferern verbessert. 

Das Projekt knüpft an Erfahrungen ähnlicher Initiativen (beispielsweise der GIZ) in anderen Regionen an, in denen die Potentiale schon analysiert wurden. Die Mitwirkenden arbeiten darüber hinaus aber auch bewusst mit den Netzwerken zusammen, die in den Patenschaftsprogrammen Lambwe, Magunga und Pala sowie in einem weiteren BMZ-Projekt entstanden sind. 

"Gerade für die ärmsten Kinder und ihre Familien erhoffen wir uns gute Wechselwirkungen bzw. Synergien aus dieser Konstellation: Jugendförderung, ländliche Entwicklung und gezielte Ernährungssicherung ergänzen sich", erklärt unsere Ostafrika-Referentin Dr. Ursula Chavez Zander.

Jugend engagiert sich stark


Besonders angetan ist Ursula Chavez Zander von dem Engagement einiger Jugendgruppen, in denen auch Patenkinder und ehemalige Patenkinder aktiv mitarbeiten. Im November vergangenen Jahres besuchte sie zum Beispiel die Waringa-Gruppe. In ihr engagieren sich 16 junge Frauen und 14 junge Männer. Sie arbeiten schon länger als Selbsthilfe-Gruppe zusammen, da viele von ihnen sich allein keine höhere Bildung oder die Gründung eines Unternehmens leisten können. Durch das Patenschaftsprogramm erhielten die Jugendlichen bereits ein werteorientiertes Coaching, das sie zu kritischem Denken und zukunftsweisenden Entscheidungen befähigt. Nun haben sie durch das Projekt auch Fischzucht gestartet und züchten Hühner, sparen auch gemeinsam Kapital an. Mit den Einnahmen haben sie unter anderem drei Waisen eine handwerkliche Ausbildung finanziert. 

"Diese Jugend kann Vorreiter für gesellschaftliche Veränderungen sein und der Ausbeutung ein Ende setzen", ist der kenianische Projektleiter, Philemon Bwanawoy, genauso überzeugt wie Ursula Chavez Zander. 

Mitglieder der Waringa-Jugendgruppe betreiben Fischzucht und Gemüseanbau in Kenia