Saatgut und Zugang zu Land hilft Flüchtlingen sich selbst zu ernähren.

Kleiner Schatz im Fluchtgepäck macht viele satt

Ein Sähmann aus dem Sudan will nicht von humanitärer Hilfe abhängig sein
Author: IrisManner  | 
11. Oktober 2017
Author: IrisManner
Muhammad und sein Sohn mit verwahrtem Saatgut

Ursprünglich stammt der zehnfache Vater aus Darfur. Dort ging es der Familie gut, sie besaß viel Ackerland, die Gemüse- und Getreideernte fiel jedes Jahr reichlich aus. Dann kam der Terror. „Die Dörfer wurden angegriffen, ich weiß nicht um welche Probleme es ging“, berichtet Mohammed leise. „Häuser wurden angezündet. Mädchen vergewaltigt, Menschen getötet. Auch meine Brüder und Schwestern.“ Seine Stimme bricht, er weint.

Mohammed hatte keine Wahl. Er floh mit seiner Familie, seinen beiden Frauen, den sieben Söhnen und drei Töchtern. Das einzige, was er von zu Hause mitnahm: eine Tüte Samen.

In Juba, der Hauptstadt des Südsudan, versuchte er, sich eine neue Existenz aufzubauen. Da es keine Möglichkeit gab, ein eigenes Feld zu bestellen, verdingte er sich als  Schuster. Er versuchte sein vergangenes Leben zu vergessen. Doch andere vergaßen nicht ihre Feinde, und so kam der Krieg 2013 auch dorthin. Wieder floh Mohammed mit seiner Familie, wieder nahm er die Samen mit.

Blick auf das Lager Kakuma in Kenia. Foto: Johanniter / Fassio

Vor drei Jahren kam er nach Kenia in ein Flüchtlingscamp mit 160.000 Bewohnern (Kakuma). Hier musste Mohammed eine ganz neue Erfahrung machen: Er war von anderen abhängig. Das Essen wurde ihm zugeteilt, ebenso wie die täglichen Rationen Wasser. Arbeiten außerhalb des Camps durfte er nicht, das ist in Kenia verboten. Dieses Nichtstun war für ihn kaum zu ertragen. Doch schon nach wenigen Wochen fand er eine neue Aufgabe. „Außerhalb des Camps entdeckte ich ein Stück zugewuchertes Land, das keinem zu gehören schien. Also machten mein ältester Sohn und ich uns an die Arbeit.“ Sie rodeten, entfernten Wurzeln, gruben mit den Händen einen Brunnen aus. „Dann holte ich meine alten Samen und säte sie ein.“

Flüchtling Mohammed (links) will auch in Kenia als Bauer seine Nahrung selbst herstellen und hat mit seinem ältesten Sohn Brachland in ein Feld verwandelt. Foto: Mark Nonkes / World VIsion

Nach monatelangem Jäten und Wässern wurde aus der Brache ein grünes Feld voll Okra und Ombra, einem spinatartigen Gemüse. Mohammed erntete, behielt Saatgut zurück, vergrößerte die Felder. Die Samen tauschte er mit Bauern aus den umliegenden Orten und bald erntete er auch Süßkartoffeln, Korn, Wassermelonen und anderes Gemüse.

Dann fiel der Regen aus. Der Brunnen versandete. Mohammed grub tiefer und tiefer. Vergeblich. Es kam kein Wasser. Hilflos musste er  zusehen, wie seine Pflanzen vertrockneten. Schweren Herzens gab er sein Feld auf.

Das war vergangenes Jahr. Anfang diesen Jahres wendete sich Mohammeds Schicksal erneut. World Vision startete gemeinsam mit Action Africa Help-International (AAHI) ein Gartenbauprojekt, als Hilfe zur Selbsthilfe: 200 Familien sollten sich sieben Hektar Land teilen und es beackern. Das Land erhielt einen solarbetriebenen Brunnen, der bis in 72 Meter Tiefe reicht.

EIn Tiefbrunnen mit Solarpumpe im Kakuma-Camp in Kenia, von World Vision installiert

Die Flüchtlinge erhielten Werkzeug und Schulungen. Mohammed war einer der ersten, der mitmachte. Sein 15-jähriger Sohn Nejmadin, der während unseres Gespräches übersetzt, erzählt stolz, dass sein Vater schnell zum inoffiziellen Sprecher der Gruppe wurde. Mohammed hat den Schlüssel für das Tor, ist der Erste der kommt, der Letzte der geht. Wenn seine Kinder schulfrei haben, helfen sie ihm, wässern die Pflanzen. Seine Ernte ist die größte. Einige Familien, darunter auch Mohammeds, konnten von ihren Erträgen sogar ein altes Motorrad kaufen. Damit transportieren sie die Früchte zum Markt. Das Projekt ist so erfolgreich, dass der Garten jetzt sogar auf 20 Hektar erweitert werden soll. Mohammed strahlt, als er mir davon erzählt.

Kakuma: Der 15jährige Nejmadin hilft nach der Schule oft im Gemüsegarten, den sein Vater zusammen mit anderen Flüchtlingen angelegt hat. Foto: Zipporah Karani
Nejmadin will Bauer werden wie sein Vater Mohammed, Seit 2014 leben sie als Flüchtlinge in Kenia.

Am Ende unseres langen Gespräches schenkt er mir einige Kürbissamen. Ich werde sie bei mir zu Hause einpflanzen. Als Symbol der Hoffnung.

Flüchtling Mohammed ist froh seine Kinder jetzt selbst ernähren zu können. Das Feld wirkt sogar Gewinn ab.