Was Hunger-Statistiken nicht über Essen erzählen
von James East
Hunger im Sudan bedeutet weit mehr als leere Mägen. Er raubt Menschen nicht nur Köpergewicht und Kraft, sondern auch Würde, Kultur und Gemeinschaft. Ich habe diese oft unsichtbare Folgen bei einem dreiwöchigen Aufenthalt in Darfur wahrgenommen und dadurch besser verstanden, was es wirklich heißt, kein Essen zu haben.
In meinem Heimatland Großbritannien und in vielen westlichen Ländern hat sich das Essen einer Kultur angepasst, die um die Bedürfnisse von Einzelnen und von Kleinfamilien kreist. Mahlzeiten werden im Alltag oft funktional eingenommen – man bereitet sie möglichst schnell zu und isst allein oder im engen Familienkreis, manchmal auch nebenbei beim Fernsehen. Ausnahmen zu diesem Trend gibt es natürlich, aber sie verkörpern das Besondere.
In Darfur ist eine Mahlzeit grundsätzlich ein sozialer Akt:
• Zum Essen versammeln sich Familien und Gemeinschaften im Schatten eines Baumes, oder man sitzt auf Matten außerhalb des Hauses.
• Das Essen wird geteilt – man isst es mit Händen aus einem gemeinsamen Gefäß.
• Gäste einzuladen und zu bewirten ist eine Ehre und zentraler Teil der sudanesischen Kultur.
Typische Mahlzeiten, etwa ein Eintopf mit Ziegenfleisch, Hirsebrei (Asida) und Fladenbrot, werden gemeinsam eingenommen. Dabei geht es nicht nur ums Sattwerden, sondern um Austausch, Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung.
Als ich an einem unserer neuen Einsatzorte, einem abgelegenen Zufluchtsort für zehntausende Binnenflüchtlinge in den Jebel Marra-Bergen in Süd-Darfur, in viele fast leere Kochtöpfe schaute, sah ich zunächst nur, was unmittelbar greifbar war: hungernde Familien, abmagernde Kinder, besorgte und erschöpfte Mütter und Dorfälteste, die danach fragten, wo die humanitäre Hilfe blieb. Viele äußerten auch Ängste vor der Regenzeit, die es Lastwagen bald schwer machen wird, Nahrung in größeren Mengen an diesen Zufluchtsort zu bringen.
Wenn Hunger die Gemeinschaft zerstört
Ich hörte den Menschen zu und merkte bald, dass der Mangel an Nahrung weit mehr als ihre Gesundheit angreift. Sie leiden darunter, dass sie hungrigen Nachbarn und Nachbarinnen nicht helfen und Gäste nicht bewirten können. Die Ältesten leiden darunter, dass sie ihre Gemeinschaft nicht vor Not schützen können und ihre Rolle verlieren. Das alles führt zu Scham und Verlust von Würde, weil zentrale kulturelle Werte nicht mehr gelebt werden können.
"Meine Kinder müssen Feuerholz sammeln und auf dem Markt verkaufen, damit wir Essen kaufen können. Wir haben nur eine Mahlzeit am Tag, meistens ein Topf Hirse für uns alle."
Daten erfassen nicht die ganze Realität
Fachleute humanitärer Organisationen sprechen von „Ernährungsunsicherheit“, wenn Familien keinen Zugang zu ausreichend guter und sicherer Nahrung haben, um ein gesundes Leben zu führen. Um das Problem und seine Folgen genauer einschätzen zu können, schauen Helfende, was auf lokalen Märkten vorhanden ist und befragen Familien oder besuchen Kliniken. Sie notieren Daten zu Nahrungsmittelpreisen, Mahlzeiten, Anzeichen von Unterernährung und Sterbe-Fällen. Diese Daten sind wichtig, um eine Krise zu erfassen und gezielt helfen zu können. Für den Sudan sind die Daten infolge des Krieges so erschreckend, dass man um die richtige Beschreibung ringen muss. Volker Türk, Menschenrechtskommissar, der Vereinten Nationen, versuchte es mit diesen Worten: "Dies ist nicht eine weitere Krise. Wir erleben eine Menschenrechtskatastrophe in Echtzeit."
Dennoch erzählen die Daten nicht die ganze Geschichte.
Meine letzte Nacht in El Daein - eine persönliche Lehrstunde
An meinem letzten Abend in Darfur kamen sudanesische Kolleginnen und Kollegen zum Abschied ins Teamhaus. Sie brachten Essen mit. Wir saßen lange zusammen, tauchten unsere Hände in den gemeinsamen Topf. Wir erzählten uns Geschichten und Erlebnisse, lachten miteinander, umarmten uns. Das alles können die Statistiken und Fachsprache niemals erfassen. Wo es kein Essen gibt, fehlt viel mehr als Nahrung – Menschen verlieren die Möglichkeit, für andere zu sorgen, Traditionen zu bewahren und Momente der menschlichen Verbindung zu erleben.