Alis Rückkehr nach Syrien
Der Morgen dämmert gerade, als Ali die Grenze von der Türkei nach Nordwestsyrien überquert. Menschen drängen sich am Übergang. Kinder huschen zwischen den Wartenden hindurch, Erwachsene schleppen Koffer, Plastiktüten und prall gefüllte Taschen. Ali bleibt kaum stehen. In seinen Armen trägt er seinen kleinen Sohn Mamdouh, in den Händen zwei schwere Gepäckstücke. Sein Blick sucht den nächsten Bus. Dann entdeckt er das verrostete Schild auf einem Bus: „Aleppo“.
Wenn seine zehnköpfige Familie es bis dorthin schafft, trennen sie nur noch rund 40 Kilometer von ihrem Dorf. Nach Hunderten Kilometern Reise wäre das die letzte Etappe. Die kürzeste. Und vielleicht die schwerste.
Als der Bus die Grenze hinter sich lässt, kehren die Erinnerungen an seine Flucht 2017 zurück. Nicht als Bilder, sondern als Geräusche. Das Kreischen der Kampfjets. Das Einschlagen der Granaten. Die Explosionen, die damals in so kurzen Abständen kamen, dass die Zeit nicht mehr in Stunden gemessen wurde, sondern in den Sekunden zwischen zwei Einschlägen. Noch Jahre später hörte Ali sie nachts im Schlaf. Beim Abendessen. Auf der Straße. Sie waren nie ganz verschwunden.
Vor dem Fenster ziehen trockene Hügel vorbei. Acht Jahre lang hatte er geglaubt, sie nie wiederzusehen. Dabei hatte er seine Heimat nie verlassen wollen. Doch als sein Dorf zur Frontlinie wurde, blieb kein einziges Haus mehr übrig, in dem man hätte leben können.
Leben zwischen den Explosionen
Sechs Jahre lang hatte die Familie im Krieg ausgeharrt. Die schlechten Nachrichten kamen immer nach demselben Muster. Zuerst das entfernte Summen. Dann das Pfeifen. Dann die Rauchsäule am Horizont.
Danach sprach man über Namen.
Über Familien.
Über Menschen, die noch am Vortag gelebt hatten.
Und immer blieb die Frage, ob beim nächsten Mal der eigene Name genannt würde.
„Wir lebten in ständiger Angst“, erinnert sich Ali. „Ich bin erst gegangen, als ich schwer verletzt wurde. Tief in meinem Herzen habe ich immer gehofft, dass alles bald vorbei sein würde.“ Doch das war es nicht.
Als die Familie floh, nahm sie fast nichts mit. Sie hatte keinen Plan. Wie Millionen andere Syrerinnen und Syrer wurde sie Teil einer der größten Vertreibungsbewegungen unserer Zeit. „Wir nutzten unsere letzten Ersparnisse, um von Stadt zu Stadt zu ziehen“, erzählt Ali.
Um die Grenze zur Türkei zu überqueren brauchten sie nicht nur Geld, sondern viel Glück. Sie mussten vollkommen fremden Menschen vertrauen. Sie schafften es bei Nacht - zu Fuß. Ali trug seine zweijährige Tochter auf dem Arm. Seine Frau hielt das jüngste Kind fest an sich gedrückt. Um sie herum bewegten sich Hunderte Menschen durch die Dunkelheit. Jeder schleppte, was vom alten Leben geblieben war: eine Decke, einige Dokumente, ein paar Kleidungsstücke.
Als schließlich die Nachricht durch die Menge ging, dass sie die Grenze überquert hätten, begannen manche zu weinen, andere fielen sich in die Arme.
Doch die Erleichterung hielt nicht lange an. „Wir schliefen rund zwei Monate im Freien, in Parks und Gärten, denn wir bekamen keine Unterkunft“, sagt Ali. Später zogen sie immer wieder weiter, auf der Suche nach Arbeit. Acht Jahre vergingen. Acht Jahre wartete Ali auf die Gelegenheit zur Rückkehr.
Ein Land aus Erzählungen
In dieser Zeit wurden sechs weitere Kinder geboren. Sie kannten Syrien nur aus den Geschichten ihrer Eltern. Aus Erzählungen über Olivenhaine und Weizenfelder. Über die engen Gassen alter Städte. Über den Duft von Kaffee, Gewürzen, Aleppo-Seife und frischem Brot.
Für die Jüngsten war Syrien kein Ort auf der Landkarte. Es war eine Geschichte.
Die Olivenbäume: „Wir sind zu Hause“
Als der Bus schließlich im Dorf ankommt, steigt Ali aus und nimmt die wenigen Taschen an sich. Seine Hände zittern. Vor ihm liegt eine Landschaft aus Ruinen. Ein Meer aus eingestürzten Häusern und zerborstenen Mauern. Die Stille scheint ihm tief bis in die Knochen spürbar.
Er sucht nach Orientierungspunkten. Hier hatte einst das Haus eines Freundes gestanden, in dem sie stundenlange Gespräche geführt hatten. Dort der kleine Laden an der Ecke. Doch alles ist verschwunden. Steinberge, verbogenes Metall und überwucherte Trümmer machen es schwer zu erkennen, wo früher die Grundstücke begannen und endeten.
Als Ali um die Ecke geht, sieht er zwei Olivenbäume. Ihre Äste bewegen sich im Februar-Wind. Es sind die beiden Bäume vor seinem Haus.
Ali bleibt stehen. Tränen laufen ihm über das Gesicht.
Hinter den Bäumen erkennt er die Reste seines Zuhauses. Teile einer Wand stehen noch. Die Fassade ist eingestürzt. Von der Küche ist nur eine geflieste Wand übrig geblieben. Betonbrocken bedecken den Boden.
„Wir sind zu Hause“, sagt er zu seinen Kindern.
Die Rückkehr war schwerer als die Flucht
Heute sagt Ali, dass die Rückkehr schwerer gewesen sei als das Weggehen. Nicht wegen der Zerstörung. Die hatte er erwartet.
„Das Schwerste war nicht, mein Haus zerstört zu sehen“, sagt er. „Das Schwerste war, dass niemand mehr da war.“ Die Nachbarn waren fort. Verwandte ebenso. „Ich kam nach Hause, aber niemand wartete auf mich.“
Das Dorf verfügt bis heute weder über eine funktionierende Stromversorgung noch über ein Wassernetz. Die Familie kauft ihr Wasser von Tankwagen, wärmt sich am offenen Feuer und nutzt Batterien für Strom. „Bei Kälte gibt es viele Infektionen und Krankheiten“, erzählt Ali.
Das Schwerste war nicht mein Haus zerstört zu sehen. Das Schwerste war, dass niemand mehr da war
Wiederaufbau auf dem Land muss bei Landwirten beginnen
Eine bezahlte Arbeit zu finden ist für Rückkehrer wie ihn in dieser ländlichen Region mindestens so herausfordernd wie der Alltag in einer zerstörten Infrastruktur. Die Landwirtschaft, die vor dem Krieg die meisten Familien ernährt hatte, muss nach 14 Jahren Krieg ebenfalls wiederaufgebaut werden. Felder sind mit Landminen und anderen Kampfstoffen kontaminiert, Bewässerungssysteme und Brunnen zerstört oder beschädigt. „Die Kosten für Dünger, Saatgut, Pflanzenschutzmittel und Treibstoff sind gestiegen. Und der Verlust von Arbeitskräften, weil so viele Menschen vertrieben wurden oder das Land verlassen haben, macht es für die Landwirte sehr schwer, ihren Lebensunterhalt zu sichern“, berichtet Ali Al-Khalaf, ein Mitglied des örtlichen Gemeinderats.
Die Folgen reichen weit über einzelne Bauernfamilien hinaus. Nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) lag die landwirtschaftliche Produktion Syriens im Jahr 2025 auf einem der niedrigsten Niveaus, die jemals im Land verzeichnet wurden. Rund 14,5 Millionen Menschen in Syrien leiden unter Ernährungsunsicherheit, und zwei Millionen Kinder sind von Mangelernährung bedroht.
Ali kann durch ein Hilfsprojekt von World Vision bei örtlichen Landwirten auf den Feldern arbeiten. Das Projekt finanziert vorübergehend den Arbeitslohn und verschafft damit mittellosen Familien ein Einkommen. Gleichzeitig bekommt der Anbau von Getreide und anderen Nahrungsmitteln eine dringend benötigte Starthilfe.
„Diese Arbeit bedeutet mir wirklich viel“, versichert Ali, der inzwischen damit begonnen hat, sein Haus wieder aufzubauen. Stein für Stein.
Die Kinder gehen im Dorf zur Schule und spielen an diesem Spätnachmittag draußen zwischen den Ruinen.
„Ich erwarte nicht, dass sich morgen schon alles verändert. Ich will einfach weiterarbeiten und unser Heim herrichten“, sagt Ali, während er seiner dreijährigen Tochter Aziza Schwung auf der Schaukel gibt. Sie haben die Schaukel in dem Raum aufgehängt, wo die zerstörte Wand den Blick freigibt auf den Hof.