11.12.2023

Erdbeben in Afghanistan

Unser Einsatz nach dem Beben

Autor: IManner

Abdul Nasir konnte seine Frau gerade noch davon abhalten, ins Haus zu rennen, als beide im Garten stehend ein lautes, sehr unheimliches Geräusch hörten. "Es klang wie eine Explosion", erinnert sich der 45jährige Bauer. Um sie herum stürzten die Häuser ein. Kaum ein Stein blieb auf dem anderen. Abdul und seine Frau konnten ihre beiden Söhne und einen Sohn der Nachbarn lebendig aus den Trümmern hervorholen, doch ihre Tochter Ziagul wurde von Lehmziegeln der einstürzenden Dorfschule erschlagen. "Es war ein sehr schmerzhafter Moment für mich, als ich sie tot in den Armen hielt und ihrer Mutter übergab", sagt Abdul. "Sie war 7 Jahre alt und Klassenbeste." 

Geduldig hat sich Abdul eingereiht in die Gruppe von Dorfbewohnern, denen Mitarbeiter von World Vision an diesem Tag Bargeld für die Versorgung ihrer Familien aushändigen. "Das ist für uns gerade die beste Hilfe, denn damit können wir viele Probleme lösen", sagt er, zeigt seine Berechtigungskarte vor und dankt den Helfern, die am Rande eines Zeltlagers eine Verteilstation eingerichtet haben. 

Erdbeben überraschte die Region kurz vor dem Winter

Seit dem 7. Oktober hatte eine Serie schwerer Erdbeben den Westen von Afghanistan erschüttert. Das stärkste, mit einer Stärke von 6,3 auf der Richterskala, hatte sein Epizentrum weniger als weniger als 25 Meilen von der Stadt Herat entfernt, wo World Vision Afghanistan seinen Hauptsitz hat. 382 Dörfer erlitten Schäden und manche wurden völlig zerstört. Vor allem Frauen und Kinder starben beim Einsturz der Häuser oder wurden verletzt. Zehntausende Menschen mussten in Zelte umziehen und viele Familien verloren auch ihre Tiere und Werkzeuge. 

Die Katastrophe ereignete sich kurz vor Winter-Einbruch und zu Beginn der Jahreszeit, in der ohnehin viele Menschen besonders unter Armut und Hunger leiden, weil die nächste Ernte erst in einigen Monaten ansteht. Für Familien, die jetzt in Notlagern leben, wird dieser Winter sehr hart. Durch die karge, meist baumlose Landschaft fegt oft ein kalter Wind und der Boden gefriert. Auch für die lokalen Mitarbeiter von World Vision sind diese Wetterbedingungen eine große Herausforderung. Und viele von ihnen sind selbst betroffen, haben Angehörige verloren oder mussten selbst ihre Häuser verlassen. 

 

Erdbeben in Afghanistan: Nothilfe-Paket
Saifidullah mit Nothilfepaket vor seinem zerstörten Laden.
Ausmaß der Zerstörung nach dem Erdbeben in Afghanistan
Zum Schutz gegen Kälte verteilen Mitarbeiter und Partner Matratzen, Decken und warme Kleidung im vom Erdbeben betroffenen Gebiet in Syrien.

Wie hilft World Vision vor Ort?

World Vision arbeitet seit 22 Jahren in West-Afghanistan und konnte so schnell helfen. Unsere mobilen Gesundheits-und Ernährungsteams suchen betroffene Dörfer auf, um medizinische und psychologische Unterstützung zu leisten. Inzwischen haben sie an vier Standorten Container-Kliniken eingerichtet, in denen rund um die Uhr Hilfe angeboten wird. 
In fünf Kinderbetreuungszentren können sich über 300 Mädchen und Jungen bei Spielen entspannen und ihre traumatischen Erlebnisse aufarbeiten. Den Eltern oder Verwandten, die sich um verwaiste Kinder kümmern, stehen Kinderschutz-Beraterinnen und Berater zur Seite.

Weitere Teams haben über 20.000 Menschen mit Trinkwasser und Hygieneartikeln versorgt und in drei Dörfern 358 Haushalte mit Hilfsmitteln wie Wasserbehältern und Kochgeschirr, Taschenlampen, Matten, Seife und Kleidung ausgestattet. Weitere Teams sind im Einsatz, um 10 Wassersysteme zu reparieren und für tausende Familien Lebensmittel- oder Bargeldhilfen auf den Weg zu bringen. 

Wie unser Video zeigt, ist die Mitarbeit von Frauen in den Projekten sehr wichtig. Nur sie haben in Afghanistan Zugang zu hilfsbedürftigen Frauen, Mädchen und kleinen Kindern. 

Krankenschwester Ruqia arbeitet in einem unserer mobilen Ernährungs-und Gesundheitsteams. Normalerweise untersucht sie vor allem Kleinkinder auf Mangelernährung und berät die Mütter oder stellt Aufbaunahrung zur Verfügung. Seit dem Erdbeben sucht sie aber auch verletzte Frauen in ihren Zelten auf und versorgt Wunden, leistet im Notfall aber auch Geburtshilfe. Vor allem schwangere Frauen seien sehr erleichtert darüber, in der Container-Klinik einen sicheren Ort zu haben und dort weibliches Personal zu finden. Ähnliches erlebt Kollegin Sofia, die in einem Kinderschutzzentrum arbeitet und sich über die positiven Veränderungen bei vielen verängstigten Kindern freut.

Zerstörung durch das Erdbeben in Afghanistan

Frauen im Einsatz nach Erdbeben in Afghanistan

Es ist für viele Kinder und Erwachsene immer noch schwer den Schock zu überwinden, den die Erdbeben ausgelöst haben. Sie brauchen unser Mitgefühl und unsere Hilfe.
Thamindri De Silva - Direktorin von World Vision in Afghanistan

Afghanistans Kinder leiden unter Kürzungen von internationaler Hilfe

World Vision wird den Einsatz im Erdbebengebiet auch unter schwierigsten Umständen noch ausweiten. Vor allem um die Finanzierung von Armuts- und Hungerbekämpfung im Land ist es dramatisch schlecht bestellt. Im Vergleich zum Vorjahr fehlen 80 Prozent der benötigten Gelder für die humanitäre Hilfe, statt 1,6 Milliarden stehen den Hilfsorganisationen insgesamt nur 340 Millionen US-Dollar zur Verfügung. und das reicht bei weitem nicht aus. Die Kinder in Afghanistan brauchen unsere Unterstützung!

Hilfe in Katastrophen