12.08.2020

„Es war wie ein Donner“

Schock, Wunden und wachsende Nöte im Libanon

Autor: Iris Manner

Das Entsetzen über die Explosion und die Trauer über die Zerstörung ihrer Hauptstadt sitzen den Menschen im Libanon noch tief in den Knochen. Die Katastrophe hat ein Land erschüttert, das bereits am Boden lag. Viele Familien wissen nicht, wie es für sie weitergehen kann, ob sie nicht bald sogar hungern müssen. Vor allem in den Vororten der libanesischen Hauptstadt leben viele in Armut. Wer schon vor der Detonation im Hafen wenig hatte, dem bleibt nun noch weniger. Und die Corona-Ansteckungen im Katastrophengebiet steigen.

World Vision verteilt Essenspakete in einem Vorort von Beirut
Zerstörungen im Ausgehviertel von Beirut
Verletzte Person im Eingang eines von der Explosion beschädigten Hauses in Beirut

Huwaida will als Mutter gerne eine zuversichtliche Trösterin sein und weiß doch selbst nicht wie es weitergeht. Sie lebt mit ihrem syrischen Mann in Ras Al Naba'a, einem Gebiet am Stadtrand. Auch sie kann das traumatische Erlebnis bisher nur schwer verarbeiten. Sie erzählt: „Mein Sohn und ich saßen im Wohnzimmer. Plötzlich hörten wir ein seltsames Geräusch. Es war wie ein Donner. Dann hörte ich es noch einmal, aber lauter. Schnell stand ich auf und zog meinen Sohn zu mir. Plötzlich kam eine gewaltige Druckwelle; das Fenster über uns brach ein. Ich versuchte, meinen Sohn zu schützen. Zusammen mit seiner Schwester rannte er dann nach unten.“

Ihre eigenen Verletzungen habe sie zunächst nicht gespürt, berichtet Huwaida. „Die waren mir zu dem Zeitpunkt egal. Ich habe mich nur um die Sicherheit meiner Kinder gekümmert.“ Auch der neunjährige Ahmad ist noch geschockt von dem, was am Abend des 4. August passiert ist. „Ich dachte, es wäre ein Blitz. Alles fiel auf uns herunter. Ich hatte wirklich Angst“, sagt er.

Die Familie litt schon zuvor unter den Auswirkungen der Wirtschaftskrise, der politischen Unruhen und der Corona-Pandemie. Zur Schule ging Ahmad schon vor Schließung der Schulen nicht mehr. Er leidet an Asthma und Schilddrüsenproblemen. Doch der Junge lernt trotzdem weiter – von Zuhause. „Ich habe online über das Handy meiner Mutter gelernt. Und ich habe mit meiner Lehrerin gesprochen. Sie hat die Hausaufgaben am Telefon gesendet.“ Was fehlt, sind die anderen Kinder: „Ich vermisse meine Freunde und ich liebe sie alle.“

Wir sind alle traumatisiert.
Diana Ghanem, Entwicklungskoordinatorin, World Vision Libanon

Alle in Beirut lebenden World Vision-Mitarbeiter haben die Explosion glücklicherweise überlebt, einige mit leichten Verletzungen. Manche haben jedoch Freunde oder Verwandte verloren. „Es ist sehr traurig, jetzt in diesem Land zu leben, denn wir haben viele schockierende Dinge erlebt und es gibt gerade keine Hoffnungsquelle“, beschreibt Entwicklungskoordinatorin Diana Ghanem die vorherrschenden Gefühle der Bevölkerung. Gleichzeitig seien die Menschen aber hilfsbereit und trainiert darin, im Unglück anzupacken. Bei ihren Hausbesuchen in den letzten Tagen konnten sie und ihre Kollegen das oft beobachten. „Wer in der Stadt geblieben ist, hilft beim Aufräumen und Reparieren“, sagt sie.

World Vision-Leiter im Libanon im Gespräch mit einem betroffenen Kind in Beirut
Hans Bederski von World Vision spricht mit Ahmad in Beirut nach der Explosion
Vorbereitungen von Soforthilfe im Libanon nach Explosion
World Vision-Mitarbeiter erkunden den Hilfsbedarf bei Bewohnern beschädigter Häuser in und um Beirut

World Vision steht jungen wie alten Menschen in dieser Krise zur Seite. „Unsere Soforthilfen in Form von Lebensmitteln, Hygiene-Sets und Schutzmaterial sind im Gange“, berichtet Landesbüro-Leiter Hans Bederski. „Diese sind auch notwendig, damit die Familien zu essen haben und sich vor Infektionen schützen können, während sie Trümmer beseitigen. Als Kinderhilfswerk werden wir auch besonders darauf schauen, welche Hilfen traumatisierte, kranke und schutzbedürftige Kinder jetzt benötigen. Und wir bereiten gleichzeitig finanzielle Hilfen vor, mit denen bedürftige Familien ihre grundlegenden Bedürfnisse erfüllen oder Reparaturen an ihren Wohnungen durchführen können. Unsere Ingenieure und Techniker können bei größeren Schäden Unterstützung leisten.“

Um möglichst vielen notleidenden Familien jetzt gezielt helfen zu können, bitten wir um Spenden.

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