10.06.2018

Kinderarbeit weltweit

Fragen mit Antworten

Autor: Iris Manner

Auf dieser Seite geben wir Ihnen einen Überblick über die wichtigsten Informationen zum Thema Kinderarbeit und zu Ansätzen von World Vision, um betroffenen Kindern zu helfen. Vorweg einige persönliche Bemerkungen:

Meine erste Begegnung mit Kinderarbeit hat mir vermutlich Johanna Spyris Roman „Heidi“ beschert, als ich gerade anfing zu lesen. Den „Ziegenpeter“ beneidete ich ein bisschen um seine „Freiheit“ in den Schweizer Bergen, obwohl die wirtschaftliche Not und Armut als Hintergrund seines Jobs durchschien. Viele Jahre später fand ich es auch gar nicht abwegig, dass mein fünfjähriger Sohn von einem senegalesischen Nomadan das Ziegenhüten lernen sollte, „denn Kinder sollten in dem Alter schon lernen, Mit-Verantwortung zu tragen“ (so meinte der Nomaden-Anführer).

Ganz andere Gedanken kamen mir, als ich auf qualmenden Müllbergen in den Metropolen Manila und Nairobi Kinder arbeiten sah. Völlig ungeschützt gegen Verletzungen, Vergiftungen und Verbrennungen sammelten hier Kinderarbeiter verkaufbare Abfälle. Profis teilweise schon als Recycler, aber letztlich doch Sklavenarbeiter von Kartellen, die den Hauptprofit machen mit Müll aus aller Welt. Ich sah ein Sinnbild für eine Menschheit, die den Bezug zu sich selbst und zu ihrer Zukunft verloren zu haben scheint. Doch unsere Möglichkeiten daran etwas zu ändern, sind größer als es oft scheint. Das hat mir unter anderem einer der Müllsammler gezeigt, der heute ein engagierter World Vision-Mitarbeiter ist.

Junge mit seinem Arbeitswerkzeug in Bangladesch
Kinderarbeiter Tarikul wünscht sich wie andere Kinder zur Schule gehen zu können.

Was ist Kinderarbeit?

Als „Kinderarbeit“ werden Arbeiten bezeichnet, für die Kinder entweder zu jung sind oder die gefährlich, ausbeutend oder aus anderen Gründen schädlich für ihre körperliche und seelische Entwicklung sind. Auch Arbeiten, die Kinder vom Schulbesuch abhalten, werden dazu gerechnet.

Durch diese Merkmale unterscheidet sich Kinderarbeit (im englischen „child labour“) von normalen Aufgaben, die zum Beispiel im Haushalt anfallen, oder auch vom Schülerjob und von anderer legaler Beschäftigung Jugendlicher. Die meisten Länder haben ein Mindestalter für legale Beschäftigung festgelegt (zwischen 14 und 16 Jahre) und in Gesetzen genauer festgelegt, welche Bedingungen zum Schutz des Kindeswohls erfüllt sein müssen.

Die Ausbeutung von Kindern widerspricht den weltweit gültigen Kinderrechten und beraubt die betroffenen Mädchen und Jungen häufig sowohl ihrer Kindheit als auch vieler Lebenschancen. Deshalb muss Kinderarbeit verhindert oder beendet werden.

Zu den schlimmsten Formen von Kinderarbeit zählen nach der Definition der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO):

  • alle Formen der Sklaverei wie Verkauf und Handel mit Kindern, Schuldknechtschaft, Leibeigenschaft, Zwangsarbeit einschließlich des Einsatzes von Kindersoldaten
  • Kinderprostitution und Kinderpornografie
  • Kinder in illegalen Beschäftigungen wie in der Drogenherstellung und im Handel
  • Gefährliche Arbeit, die voraussichtlich der Gesundheit, der Sicherheit oder der Sittlichkeit von Mädchen und Jungs schadet

Wie viele Kinderarbeiter gibt es und wo leben sie?

152 Millionen Kinder und Jugendliche arbeiteten nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO, 2016) unter Bedingungen, die mit den Kinderrechten nicht vereinbar sind und sie ihrer Chancen berauben. Demzufolge ist fast jedes 10. Kind auf der Welt ein Kinderarbeiter.

Man muss Europa gar nicht verlassen, um Kinderarbeiter zu finden oder Menschen zu begegnen, die aus eigener Erfahrung darüber berichten können. In der Asien-Pazifik-Region finden wir jedoch die größte Anzahl arbeitender Kinder - 62 Millionen laut der offiziellen Schätzungen, in Wirklichkeit vermutlich noch mehr. In Afrika südlich der Sahara ist der Anteil arbeitender Kinder am größten - etwa jedes fünfte Kind ist betroffen. Fast die Hälfte aller Kinderarbeiter (48 Prozent) sind sehr jung, nämlich zwischen 5 und 11 Jahre alt.

Kinderarbeiter Karan aus Bangladesch klebt Schuhteile zusammen

Karan (12 Jahre) aus Indien klebt Teile für Schuhe zusammen. Der Geruch des Leims macht ihn schwindelig und krank.

Penina aus Kenia verkauft Milch.

Die 7-jährige Penina aus Kenia kann nicht zur Schule gehen, weil sich ihre Eltern die Schulgebühren nicht leisten können. Stattdessen verkauft sie die Milch ihrer Familie in der Nachbarschaft – und jeden Morgen als erstes an den Lehrer der Schule, die sie eigentlich besuchen sollte.

Kinderarbeiterin Nasrin aus Bangladesch an der Nähmaschine.

Nasrin aus Bangladesch ist 15 Jahre alt und eine von 4 Millionen Arbeiterinnen und Arbeitern in der Textilindustrie. Wenn sie nicht schnell genug arbeitet, schreit ihr Chef sie an.

Straßenverkäufer in Honduras

Als Straßenverkäufer arbeitet dieser Junge in Honduras, um zum Unterhalt seiner Familie beizutragen.

Welche Arbeit machen die Kinder?

Kinderarbeit kann sehr unterschiedlich aussehen. Prinzipiell gibt es sie aber in allen Branchen. Mehr als 70 Prozent der 5- bis 17-Jährigen arbeiten in der Landwirtschaft, einschließlich der Fischerei. Dienstleistungen erbringen 17,2 Prozent der Kinderarbeiter, beispielsweise im Groß- und Einzelhandel, in Hotels und Restaurants, im Transport- und Lagerwesen und in anderen Bereichen. Knapp 12 Prozent der Kinderarbeiter sind in der Industrie beschäftigt, oft als Hilfskräfte.

Unter Zwangsbedingungen, die natürlich illegal sind, arbeiten allein in der Asien-Pazifik-Region mindestens 1,5 Millionen Kinder. Sie stellen Teppiche, Kleidung oder Ziegel her, zertrümmern Steine, verarbeiten Fisch oder Garnelen, schneiden Bambus, mahlen Reis oder setzen Spielzeug zusammen.

Vertraglich angestellt sind die meisten Kinderarbeiter nicht. Vielmehr hilft der überwiegende Teil bei der Feldarbeit oder im Familienbetrieb mit – meist ohne Bezahlung. Staatliche Regulierungen werden häufig auch durch Schwarzmärkte umgangen, auf denen die Kinder beispielsweise gesammelte Rohstoffe zuliefern.

Jungen findet man eher in sichtbaren Beschäftigungen, während Mädchen vor allem im Verborgenen arbeiten, etwa in Haushalten. Die verborgenen Jobs sind oft mit überlangen Arbeitszeiten, einem starken Abhängigkeitsverhältnis und auch mit Misshandlungen verbunden.

Warum arbeiten Kinder und warum lassen Eltern Ausbeutung zu?

Armut ist die Hauptursache für Kinderarbeit, und diese ist oft gekoppelt mit weiteren Problemen in der Familie und in der Gesellschaft. Je unsicherer die Existenzgrundlage der Familie ist, desto größer ist der Druck auf die Kinder, zum Einkommen beizutragen oder früh für sich selbst zu sorgen.

Wenn gute Bildungs- und Ausbildungsangebote fehlen, erscheint es manchen Eltern um so sinnvoller, die Arbeitskraft ihrer Kinder zu nutzen, anstatt sie viele Jahre zur Schule zu schicken. Auch wenn sie sehen, dass viele Schulabgänger keinen Job finden, schwächt das die Bereitschaft in die Bildung zu investieren.

Gegen Krisen sind arme Familien häufig schlecht abgesichert. So müssen Kinder einspringen, wenn zum Beispiel der Ernährer stirbt, arbeitsunfähig wird oder die Familie verlässt  oder wenn infolge einer Naturkatastrophe die Ernte zerstört ist.  Manche Kinder erben von ihren Eltern Schulden und werden dann regelrecht gehandelt, um diese Schulden abzutragen.

Auch wenn Kinder nicht freiwillig arbeiten, können sie es bei ihrem Arbeitgeber gut treffen. Ist die Wirtschaftslage aber ungünstig, der Preisdruck auf Unternehmen groß und das Rechtsbewusstsein im Umfeld der Kinder schwach ausgeprägt, dann ist das Risiko der Ausbeutung groß.

Ein gemeinsames Merkmal vieler von Ausbeutung besonders betroffenen Kinder ist zudem ein sozial benachteiligter Hintergrund: zum Beispiel die Zugehörigkeit zu einer Minderheit oder einer niedrigen Kaste. Das macht den Einfluss des gesellschaftlichen und politischen Umfelds deutlich.

Ist Kinderarbeit mit Bildung vereinbar?

Den Wunsch zu lernen und etwas aus ihrem Leben zu machen haben sehr viele arbeitende Kinder, und manche schaffen es auch. Viele Untersuchungen zeigen aber, dass Kinderarbeit (im Sinne der oben beschriebenen Definition) nicht gut mit Bildung zu vereinbaren ist. Rund ein Drittel aller 5-bis 14-jährigen Kinderarbeiter geht nicht zur Schule. Und diejenigen, die es doch versuchen, haben es oft schwer gute Lernergebnisse zu erzielen, weil sie müde zum Unterricht gehen oder keine Zeit haben, um außerhalb des Klassenraums zu lernen.

Die Zahl der Schulabbrecher ist hoch unter Kinderarbeitern. Ohne Bildung und Schulabschluss haben diese jungen Menschen wiederum geringe Chancen eine gute bezahlte Arbeit zu finden und so der Armut zu entkommen.

Kinderarbeit verringert also persönliche und auch gesamtgesellschaftliche Entwicklungsfortschritte.  Im Umkehrschluss kann man auch sagen: Kinderarbeit zu beenden ist ein Beitrag zu einem inklusiven Wirtschaftswachstum oder Entwicklungsprozess, von dem auch die Ärmsten und Schwächsten profitieren.

Junge hütet Ziegen
Kinderarbeit ist auch, wenn Kinder Ziegen hüten, statt in die Schule zu gehen.
Mädchen arbeitet in einem Bergwerk.
Die Arbeit in Bergwerken zählt oft zu den schlimmsten Formen der Kinderarbeit.

Wie sinnvoll sind Verbote von Kinderarbeit?

Mit der UN-Kinderrechtskonvention haben sich die unterzeichnenden Staaten dazu verpflichtet die Rechte der Kinder durchzusetzen. Dazu gehört laut Artikel 32 auch, dass sie Kinder vor Arbeiten schützen, die gefährlich sind, ihrer Gesundheit oder ihrer Bildung schaden. Kinderrechte sollen Vorrang vor anderen Interessen haben. Eltern soll es aber nicht verboten werden, ihre Kinder zur Mitarbeit im Haushalt oder im Familienbetrieb anzuhalten. Und auch andere gelegentliche Jobs sind akzeptabel, solange sie sicher und altersgemäß sind und nicht den Rechten der Kinder widersprechen.

Es gibt demnach einen Konsens, dass Art und Umfang der erlaubten Arbeit von Kindern gesetzlich geregelt werden muss. Ebenso wird anerkannt, dass es gut und sinnvoll sein kann, Kinder auf ein selbständiges Leben vorzubereiten und durch ihre Beteiligung an Familien-Arbeiten den Zusammenhalt zu stärken.

Was als schädlich, nützlich oder ökonomisch notwendig angesehen wird, unterscheidet sich je nach Region unter Umständen sehr. Diese Unterschiede spiegeln sich auch in nationalen Arbeitsgesetzen und Aktionsplänen wider. Zudem haben sich Bewegungen arbeitender Kinder in Lateinamerika, Afrika und Asien vielerorts einen gewissen Einfluss auf Maßnahmen gegen Kinderarbeit erkämpft. Sie treten eher für ihre Rechte und bessere Arbeitsbedingungen ein als für Verbote.

Gegen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit muss in jedem Fall entschieden vorgegangen werden. Sie müssen beendet werden, sofort.

Welche Trends gibt es bei Kinderarbeit?

Das internationale Engagement zur Überwindung extremer Armut und auch die in vielen Ländern etablierten Netzwerke zur Stärkung von Kinderrechten haben Wirkung gezeigt: weltweit müssen immer weniger Kinder arbeiten. Die Zahl der Kinderarbeiter ist seit dem Jahr 2000 sogar drastisch gesunken. Der Fortschrittstrend hat sich allerdings in den letzten Jahren verlangsamt. Mit dem derzeitigen Tempo wird es nicht gelingen, Kinderarbeit bis zum Jahr 2025 zu überwinden, wie es in den Weltzielen für nachhaltige Entwicklung vorgesehen ist.

Ein Blick in verschiedene Regionen und Länder ergibt ein differenzierteres Bild. Die Asien-Pazifik-Region ist mit der Verbesserung von Gesetzen und Kinderschutz-Instrumenten sowie mit der Bekämpfung von Menschenhandel vorangekommen. Länder wie Indien, Pakistan und Bangladesch haben aber nach wie vor große Probleme damit, auch den ärmsten Kindern Zugang zu guter Bildung und den Erwachsenen Arbeitsplätze mit akzeptablem Einkommen zu verschaffen. Beides würde die Zwänge zur Kinderarbeit weiter mindern.

In Teilen Afrikas nimmt Kinderarbeit eher zu. Verantwortlich dafür ist vermutlich eine Kombination aus schwacher Wirtschaftsentwicklung, andauernden Konflikten und zunehmenden Katastrophen durch Wetterextreme. Natürlich gibt es auch auf diesem großen Kontinent starke regionale Unterschiede.

Im Nahen Osten haben Krieg und Terror das Leben von Millionen Kindern auf den Kopf gestellt. Nicht nur in Syrien und im Irak, sondern auch in Nachbarländern, in denen viele geflüchtete Familien in Armut abgerutscht sind, sehen wir mit Sorge eine Zunahme von Kinderarbeit und Kinderehen.

Mit welchen Ansätzen kann man Kinderarbeit weltweit wirksam überwinden?

Zusammenarbeit auf vielen Ebenen ist beim Thema Kinderarbeit sehr wichtig, denn die Erfahrung aus vielen Ländern zeigt, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Und wie bei anderen Themen auch sollten betroffene Kinder und Jugendliche mit ihren Ideen unbedingt miteinbezogen werden.

Regierungen sind in der Verantwortung, Gesetze zum Schutz von Kindern durchzusetzen und die Rahmenbedingungen für Entwicklungsmöglichkeiten zu verbessern.

Sie brauchen dazu aber Unterstützung vieler Akteure und manchmal auch gesellschaftlichen Druck. World Vision engagiert sich für eine Stärkung von Kinderschutz-Systemen und für umfassende Maßnahmenpakete, die auf die verschiedenen Ursachen und Facetten von Kinderarbeit auswirken.

Deshalb   

  • klären wir Familien und Arbeitgeber über die Schäden durch Kinderarbeit auf und unterstützen Kinder und Jugendliche darin, ihre Rechte einzufordern.
  • bearbeiten unsere Entwicklungsprojekte Ursachen von Kinderarbeit, indem wir mit Familien neue Einkommensmöglichkeiten finden und Bildungsangebote zugänglich machen und verbessern.
  • unterstützen wir Jugendliche nach einem Schulabbruch dabei, entweder eine Ausbildung zu bekommen oder zurück in die Schule zu gehen.
  • stärken wir Kinderschutz-Netzwerke, die u.a. auf die Einhaltung der Gesetze gegen ausbeuterische Kinderarbeit drängen und Hilfen für arbeitende Kinder vermitteln.
  • haben Kinderschutz-Maßnahmen und Bildungsangebote für Kinder in Krisen einen hohen Stellenwert in unseren Programmen der Humanitären Hilfe.

World Vision arbeitet gemäß den Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation und den Definitionen zum Kinderschutz durch die UN.

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