Berlin/Port Sudan, 14.10.2026 – Acht internationale Hilfsorganisationen, darunter die Kinderhilfsorganisation World Vision, warnen angesichts der zunehmenden Kämpfe im Sudan und des drohenden Super-El-Nino vor den Folgen eines Ernteausfalls. Ein Ausfall der Ernte könnte die ohnehin katastrophale Versorgungslage im kommenden Jahr erheblich verschlimmern und die Hungerkrise weiter verschärfen.
Die im Sudan arbeitenden Hilfsorganisationen fordern in einem gemeinsamen Appell die Konfliktparteien im Sudan sowie nationale und internationale politische Entscheidungsträger dazu auf, die bevorstehenden Ernten besser zu schützen. Bäuerinnen und Bauern brauchen sicheren Zugang zu ihrem Ackerland, sicheren Transport von Nahrungsmitteln und Zugang zu Märkten.
Die internationale Kinderhilfsorganisation World Vision fordert zudem, dass sich die internationale Gemeinschaft auf die drohende Hungersnot vorbereitet. Sollte es zu weiteren Ernteausfällen kommen, müssen schnelle und ausreichende Lebensmittellieferungen geleistet werden. Dafür benötigt es neben einer ausreichenden Finanzierung auch logistische und personelle Vorbereitungen.
Der Sudan erlebt nach Einschätzung der Vereinten Nationen seit Beginn des Konflikts eine der schwersten humanitären Krisen weltweit. Mehr als 33 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Fast 29 Millionen Menschen leiden derzeit unter akuter Ernährungsunsicherheit. In mehreren Landesteilen wurde in den vergangenen zwei Jahren wiederholt Hungersnot festgestellt oder das Risiko einer Hungersnot dokumentiert. Gleichzeitig bedrohen anhaltende Kämpfe, Vertreibung, unregelmäßige Niederschläge und zunehmende Dürreperioden die diesjährige Ernte.
„Die nächsten vier Monate sind entscheidend. Millionen Familien sind darauf angewiesen, dass Felder bestellt und geerntet werden können und Nahrungsmittel die Märkte erreichen“, erklärt Ekkehard Forberg von World Vision. „Wo Ernten ausfallen, steigen nicht nur Hunger und Mangelernährung. Auch Armut, Vertreibung und Konflikte nehmen zu. Kinder leiden zuerst und dauerhaft darunter.“
Trotz Gewalt und Unsicherheit haben viele Bauernfamilien in Darfur, Kordofan, Blue Nile und anderen betroffenen Regionen ihre Felder bestellt. Doch Angriffe auf Straßen, Märkte, Wassersysteme und andere wichtige Infrastruktur gefährden die Nahrungsmittelproduktion und den Handel. Hinzu kommen steigende Lebensmittelpreise, Inflation und die Abwertung der Landeswährung.
Die Organisationen würdigen den außergewöhnlichen Einsatz lokaler Gemeinschaften, Bauernverbände, Frauengruppen und zivilgesellschaftlicher Helferinnen und Helfer, die unter schwierigsten Bedingungen weiterhin zur Ernährungssicherung beitragen. Sie fordern gemeinsam
- den Schutz von Zivilpersonen und lebenswichtiger Infrastruktur,
- sicheren Zugang zu landwirtschaftlichen Flächen und Märkten,
- den ungehinderten Transport von Lebensmitteln, Handelsgütern sowie uneingeschränkten Zugang zu humanitärer Hilfe,
- verstärkte diplomatische Bemühungen zum Schutz der bevorstehenden Erntesaison von Oktober bis Januar,
- sowie ausreichende Investitionen in lokale Ernährungssysteme, Zugang zu Wasser und Existenzsicherung.
World Vision arbeitet gemeinsam mit Partnern im Sudan und unterstützt Familien unter anderem mit Nothilfe, Ernährungsprogrammen sowie mit Maßnahmen zur Stärkung von Lebensgrundlagen. Die Organisation erfährt vor Ort täglich, wie sehr das Leben und die Zukunft von Millionen Menschen von einer erfolgreichen Ernte abhängt.
Deutscher Beitrag gefragt
Bei der internationalen Berliner Sudan-Konferenz im April 2026 kündigte die Bundesregierung zusätzliche Mittel für die humanitäre Hilfe in Höhe von 230 Mio. Euro an und stellte weitere diplomatische Anstrengungen zur Förderung eines Waffenstillstands und einer politischen Lösung in Aussicht. Die aus der Konferenz hervorgegangenen “Berliner Prinzipien”, mit denen unter anderem auch eine Wiederherstellung der Grundversorgung ermöglicht werden soll, müssen umgesetzt werden.
„Der Schutz der bevorstehenden Ernte allein wird die Hungerkrise nicht beenden. Doch ihr Verlust würde die Krise und die Lage von Millionen Menschen im kommenden Jahr erheblich verschlimmern“, so die Hilfsorganisationen. Es gehe darum, die Zivilbevölkerung zu schützen, deren Leid von den Kriegsparteien billigend in Kauf genommen wird.