Friedensförderung

Friedensförderung - was ist das eigentlich?

Interview mit Ekkehard Forberg, Themenmanager für Friedensföderung bei World Vision

Du bist bei World Vision Themenmanager für Friedensförderung und Anwaltschaftsarbeit. Was muss man sich darunter vorstellen?

World Vision unterstützt Kinder in Kriegs- und Konfliktländern  -  nicht nur mit humanitärer Hilfe, sondern auch mit psychosozialer Hilfe und informellen Bildungsangeboten. In Kinderschutzzentren und Jugendklubs können Kinder und Jugendliche mit anderen über ihre Probleme reden und eine Auszeit vom Krieg nehmen – indem sie gemeinsam Musik machen oder am Computer chatten.  

Meine Aufgabe ist es, die politische Unterstützung aus Deutschland dafür zu organisieren: Sei es durch einen inklusiven Friedensprozess, der Jugendliche von Beginn an mit einbezieht oder durch die Bereitstellung finanzieller Hilfen für kindergerechte Projekte, die die Widerstandsfähigkeit von Kindern stärken.

Warum ist Friedensförderung gerade für ein Kinderhilfswerk eine wichtige Aufgabe?

Ohne Frieden keine Entwicklung (und das gilt auch umgekehrt). Letztlich sind es die Jugendlichen in einem Land, welche nach einem Krieg Verantwortung für die Zukunft ihres Landes übernehmen müssen. Aber dafür bedarf es einer guten Ausbildung, und sie sollten die Chance haben, sich selbst frei organisieren zu können und in Gesellschaft und Politik Gehör zu finden.

Zur Friedensförderung gehört es auch, sich ein umfassendes Bild von den Akteuren und den Ursachen bzw. Interessen in einem Konflikt zu machen. World Vision bezieht für diese Konfliktanalyse alle Beteiligten vor Ort mit ein – auch Kinder und Jugendliche müssen hierfür angehört werden. Erst dann können sinnvolle „Interventionen“ geplant werden: Wer muss wie unterstützt werden, damit ein Konflikt auf konstruktive Weise ausgetragen wird und letztlich zu einer friedlichen Entwicklung des Landes führt? Hierfür bedarf es nicht nur legitimer staatlicher Strukturen, sondern auch einer fähigen Zivilgesellschaft.

Frieden Kinder Syrien

Im Bereich Friedensförderung gibt es leider viel zu tun. Wo liegen zurzeit die regionalen Schwerpunkte Deiner Arbeit?

Wir haben natürlich auch die physische Situation der Kinder im Blick – im Krieg fallen Kinder oft durchs Raster. Über sie wird wenig berichtet und es gibt auch nicht ausreichend kinderspezifische Hilfe. Ganz besonders brauchen derzeit die Kinder in Syrien und im Südsudan unsere Solidarität. Dort ist fast die Hälfte der Bevölkerung von akutem Hunger bedroht – und die Hälfte dieser betroffenen Bevölkerung sind Kinder und Jugendliche. Längere Zeiten akuter Mangelernährung führen zu lebenslangen Schäden. Gleichzeitig sind im aktuellen Konflikt mehr als die Hälfte der Schulen des Landes zerstört worden. Für die Zukunft der Kinder sieht es daher sehr schlecht aus – jahrelange Fehlzeiten in der Schule sind nur unter günstigen Bedingungen wieder aufholbar. Ich arbeite mit dem Auswärtigen Amt daran, dass ausreichend Nothilfe bereitgestellt wird und gleichzeitig diplomatischer Druck auf die Kontrahenten ausgeübt wird, damit diese das unterzeichnete Friedensabkommen auch wirklich einhalten.

Ein regionaler Schwerpunkt meiner Arbeit liegt auf Subsahara-Afrika, wo wir für die kommenden Jahre noch weitere „gescheiterte“ Staaten erwarten.

Wie sieht das praktisch aus, „Anwalt der Armen“ zu sein/„den Armen eine Stimme zu geben“?

Wir setzen uns zum Beispiel gegen Rüstungsexporte in Krisen- und Konfliktgebiete ein – und hier ganz besonders gegen Kleinwaffenexporte (und deren Munition). Mit dem Deutschen Bündnis Kindersoldaten führen wir jedes Jahr am „Red Hand Day“ - am 12. Februar - eine Aktion und ein Pressegespräch durch. Wir laden dazu auch immer frühere Kindersoldaten ein, die jetzt in Deutschland leben und dort von ihren Erlebnissen berichten können.

Das Thema Frieden braucht vor allem Öffentlichkeit. Ich begleite daher auch Bundestagsabgeordnete, wenn sie sich unsere Projekte anschauen wollen, und gebe Interviews in den Medien. Kinder aus Konfliktgebieten sollten auch hier gehört werden – und ich versuche, ihnen eine Stimme zu geben. Aus unserer Sicht sollte die Bundesregierung vor allem in die Prävention von Konflikten investieren – dazu gehört die Unterstützung von Dialogforen zwischen Zivilgesellschaft und lokalen Regierungsstrukturen ebenso wie massive Investitionen in die Bildung und die Sicherstellung der Lebensgrundlagen von Menschen in Staaten, die sonst in die Fragilität abzurutschen drohen.

Frieden Kinder Südsudan

Wie trittst Du mit Politikern in Kontakt? Gibt es bestimmte Institutionen oder Ereignisse, in denen ein regelmäßiger Austausch zwischen World Vision und Vertretern der Politik stattfindet?

Mit den Ministerien gibt es einen regelmäßigen Austausch – über den jeweiligen Informationsstand zur Situation in bestimmten Ländern, aber auch zur Abstimmung. Beispielsweise treffen wir mit anderen Hilfswerken regelmäßig im „Koordinierungsausschuss humanitäre Hilfe“ im Auswärtigen Amt zusammen. Aber die Gesetze werden im Parlament beschlossen – und deshalb werben wir auch im deutschen Bundestag für Unterstützung. Um beim Beispiel Südsudan zu bleiben – gemeinsam mit anderen Organisationen informieren wir seit Jahren bei sogenannten ‚Parlamentsfrühstücken‘ die Abgeordneten über das, was wir aus unseren Projekten und von den Kindern und Jugendlichen vor Ort erfahren.

Um Konfliktlösungen voranzutreiben, braucht es globale Allianzen. Mit welchen Partnern arbeitet World Vision auf internationaler Ebene erfolgreich zusammen?

Internationale Konflikte oder Bürgerkriege sind meist komplex – und die politischen Beweggründe der einzelnen Akteure nicht leicht zu ergründen. Veränderungen kann man hier nur gemeinsam mit anderen Akteuren erreichen. Wir arbeiten deshalb mit der jeweiligen Zivilgesellschaft zusammen. Zurzeit vertrete ich World Vision auf den globalen Foren „Civil Society for Peacebuilding and Statebuilding“ ( http://www.cspps.org/ ) und der „Global Partnership fort he Prevention of Armed Conflict“ (http://www.gppac.net/ ). Auf europäischer Ebene versuchen wir mit einer Stimme aufzutreten und haben eine gemeinsames Büro mit vielen anderen friedensfördernden Organisationen gegründet, das European Peacebuilding Liaison Office (http://eplo.org/ ).

In 15 Jahren Arbeit bei World Vision: Auf welche Entwicklung schaust Du besonders gerne zurück? 

2012 waren wir mit unserer Ausstellung „ich krieg dich - Kinder in bewaffneten Konflikten“ in der deutschen Vertretung bei der UN in New York. Mit der Ausstellung, die seit vielen Jahren durch Deutschland tourt, wollen wir Politiker und Fachpublikum  - aber auch die Öffentlichkeit - darauf aufmerksam machen, wie Kinder im Krieg besser geschützt und gestärkt werden können – und was wir von hier aus dazu beitragen können. Im Jahr 2012 hatte Deutschland gerade als Mitglied des UN-Sicherheitsrates eine Resolution zum besseren Schutz von Schulen und Hospitälern in Kriegsgebieten durchgeboxt. Die Schuldigen, die gezielt und systematisch diese besonders von Kindern genutzten Gebäude angreifen, erscheinen seitdem auf einer „schwarzen Liste“ des UN Generalsekretärs. Unsere Ausstellungseröffnung in New York geriet so nicht zum Aufruf, sondern zum Fest über einen gelungenen Schritt zum besseren Schutz von Kindern in bewaffneten Konflikten.

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