06.11.2021

Halbzeit bei der COP26

Erste Ergebnisse führen zur berechtigter Wut – und ein wenig Hoffnung

Author: IManner

Von Pressesprecherin Silvia Holten, aktuell bei der Weltklimakonferenz in Glasgow

Die Trommeln schlagen im Rhythmus und immer lauter. Die erste Woche der Klimakonferenz COP26 in Glasgow geht dem Ende entgegen. Die Jugend ergreift hier lautstark das Wort. Sie skandieren „People got the Power“. Ja, sie haben Macht, die jungen Leute. Die Macht der Rebellion. Greta Thunberg stürmt erbost von der Bühne. Unsere Kinder wollen kein „Bla Bla“ – keine Worte ohne Konsequenzen – mehr hören. Und sie haben Recht. Es ist ihre Zukunft, die zerstört wird, wenn hier in Glasgow keine verbindlichen Vereinbarungen getroffen werden. Einige ermutigenden Versprechungen wurden gemacht, aber ich habe auf dutzenden Konferenzen schon zu viele davon gehört. Immer wieder waren Versprechen Versprecher oder sie wurden aufgeweicht.

Können wir den Regierenden dieses Mal vertrauen? Ganz ehrlich... ich bin nach Glasgow gekommen in der Erwartung, dass dieser Gipfel dramatisch scheitern wird. Zur Halbzeit muss ich aber anerkennen, dass manche Initiativen und Zusagen doch einen ernsthafteren Willen erkennen lassen als bei früheren Konferenzen. Das Trommeln, kombiniert mit schlagenden Argumenten, scheint den langen Tiefschlaf vieler Politiker beendet zu haben. Die Bremskräfte der vielen kurzfristigen Interessen sind aber weiterhin stark, und deshalb sind wir noch längst nicht am Ziel.

1,5 Grad Ziel muss erreicht werden

Wir müssen alles dafür tun, um das 1,5 Grad Ziel zu erreichen. Schon jetzt sehen wir besonders in den Ländern des Südens, in denen World Vision arbeitet, wie insbesondere die Kinder leiden – auch unter den Auswirkungen des Klimawandels. Während der zweiwöchigen Weltklimakonferenz werden mehr als hunderttausend Kinder gestorben sein, weil ihre Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden konnten.

Neue Analysen deuten darauf hin, dass die bis jetzt bekannt gegebenen Vereinbarungen tatsächlich die Erderwärmung bei unter 2 Grad halten können, wenn die mündlichen Zusagen in reale Aktionen umgesetzt werden. So haben fast 100 Länder (verantwortlich für 70 % der Weltwirtschaft) versprochen, Emissionen von Methan bis 2030 um mindestens 30% gegenüber 2020 zu senken. Methan ist noch klimaschädlicher als CO2. Auch Indien, auf Platz 3 der größten Verschmutzer der Atmosphäre, hat Zugeständnisse gemacht. Bis zum Jahr 2070 will man klimaneutral sein. Bis 2030 soll die Hälfte der Elektrizität aus erneuerbaren Quellen kommen. Allerdings wäre Indien damit 10 Jahre später klimaneutral als etwa China und 20 Jahre später als die EU.

Beachtung schenken sollte man außerdem einigen größeren Initiativen aus der Finanz-und Privatwirtschaft. Wo künftig investiert wird und wo nicht, kann eine große Hebelwirkung haben. Es ist gut, dass manche Organisationen sich dies genauer anschauen, denn auch hier gilt: erst Taten werden den Unterschied machen.

Um Verluste und Schäden durch den Klimawandel kümmert sich die Welt noch zu  wenig

Geld ist einer der wesentlichen Knackpunkte beim Klimaschutz und darum ging es am vierten Tag der Konferenz um die Finanzierung. Die gute Nachricht: Mehrere Länder haben Zusagen gemacht, den ärmsten Ländern stärker bei der Bewältigung der Klimakrise zu helfen. Ab 2020 sollten laut dem Pariser Abkommen jährlich 100 Milliarden US-Dollar für Maßnahmen zur Anpassung und Vorsorge bereitgestellt werden. Bisher fehlten noch einige Milliarden. Vielleicht sehen wir hier in der nächsten Woche weitere Zugeständnisse. Allerdings muss für Verluste und Schäden noch mal eine Schippe draufgelegt werden, damit auch ärmere Menschen nach Überschwemmungen und Dürren oder sonstigen Katastrophen wieder ein neues Leben anfangen können. 

Gerne hätte ich applaudiert, als 100 Staaten in Glasgow einen Pakt schlossen, um die Zerstörung der Wälder spätestens 2030 zu stoppen. Doch ein ähnlicher Pakt wurde bereits 2014 beschlossen und die Weltgemeinschaft hat kein Instrument, um zweizüngige Staatschefs und Diktatoren zur Umsetzung ihres Versprechens zu zwingen. Zudem haben sie nun nochmal zehn Jahre Zeit Wälder abzuholzen. Die Entwaldung muss aber sofort gestoppt werden. Wälder sind unsere Lungen. Ohne Lungen ist ein Überleben der Menschheit nicht möglich. Darum forstet World Vision in inzwischen 27 Ländern wieder auf und zwar in Zusammenarbeit mit tausenden Bauern, die dadurch auch noch bessere Ernten bekommen. Die Technik basiert auf dem​ Vorhandensein eines „unterirdischen Waldes“ und hat das Potenzial weltweit mindestens 1 Milliarde Hektar Wald wieder aufzuforsten. Wir brauchen eine weltweite Wiederaufforstungsbewegung. Jeder kann mitmachen und Waldmacher werden! UND wir müssen der Jugend zuhören.

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