31.08.2021

Interview mit Entwicklungsminister Gerd Müller

„Ich achte beim Kauf von Kleidung auf Textilsiegel“

Author: SHottenbacher

Der Kampf gegen Kinderarbeit steht bei Entwicklungsminister Gerd Müller seit Beginn seiner Amtszeit immer weit oben auf der Prioritätenliste. In seinem letzten Interview mit uns als Minister verrät er unter anderem, wie er selbst darauf achtet, Produkte ohne Kinderarbeit zu kaufen. 

World Vision: Herr Minister, um auf die alarmierende Situation der rund 160 Millionen arbeitenden Kinder hinzuweisen, haben die Vereinten Nationen das Jahr 2021 zum Internationalen Jahr gegen Kinderarbeit ausgerufen…

Kinderarbeit nimmt nach jahrelangem Rückgang erstmals wieder zu. Das ist alarmierend. Wir können es nicht einfach so hinnehmen, dass 160 Millionen Mädchen und Jungen weltweit schuften. Das ist jedes 10. Kind! Viele von ihnen arbeiten auch für unseren täglichen Konsum: auf Kaffee- oder Kakaoplantagen oder in Coltan-Minen für unsere Handys. Die Pandemie hat die Lage für die Kinder verschlechtert. In Afrika ist die Lage am dramatischsten. Dort muss beinahe jedes fünfte Kind arbeiten. 

Welche Lösungsansätze verfolgt die deutsche Entwicklungspolitik, um die Lage arbeitender Kinder nachhaltig zu verbessern?

Wir gehen in vielen unserer Programme ganz gezielt die Ursachen von Kinderarbeit an und bauen Bildungsprogramme aus. Zusätzlich fördern wir über 60 Vorhaben, um Kinderarbeit direkt zu bekämpfen – auch mit World Vision. Zum Beispiel im Bürgerkriegsland Südsudan: Dort helfen wir ehemaligen Kindersoldaten beim Start in ein normales Leben. In Jordanien unterstützen wir einheimische und syrische Jugendliche dabei, einen Arbeitsplatz zu finden. In Indien kämpfen wir zusammen gegen die besonders schlimme sexuelle Ausbeutung von Kindern. Und mit dem Lieferkettengesetz haben wir einen ganz wichtigen Meilenstein im Kampf gegen Kinderarbeit erreicht. In den Lieferketten von Produkten, bei uns in Deutschland verkauft werden, muss ab jetzt das Verbot von Kinderarbeit eingehalten werden.

Entwicklungsminister Müller besucht eine Textilfabrik
Minister Müller vor der Corona-Pandemie beim Besuch einer Textilfabrik in Accra, Ghana © Ute Grabowsky / photothek.net
Näherinnen in einer Textilfabrik, die sozial verantwortliche Arbeitsplätze schafft
Junge Näherinnen in einer Textilfabrik in Accra, die sozial verantwortliche Arbeitsplätze schafft © Ute Grabowsky / photothek.net

Warum braucht Deutschland ein Lieferkettengesetz?

Es ist absolut inakzeptabel, dass unser Wohlstand auf Ausbeutung und Kinderarbeit beruht. Viele Jahre reden wir darüber, dass wir den Schutz der Kinder weltweit verbessern müssen. Nur getan hat sich wenig. Mit dem Lieferkettengesetz ändern wir das. Viele Vorreiter-Unternehmen zeigen ja seit Jahren, dass faire Produktion ohne Kinderarbeit machbar ist. Aber mit Freiwilligkeit erreicht man nie alle. Es kann nicht sein, dass sich einige anstrengen und andere ohne Rücksicht auf Menschenrechte produzieren. Und sich so noch Wettbewerbsvorteile verschaffen. Deswegen brauchen wir verbindliche Grundstandards für alle, um entlang globaler Lieferketten Menschenrechtsstandards wie das Verbot von Kinderarbeit umzusetzen.

Kritikerinnen und Kritikern geht das Gesetz nicht weit genug. Was halten Sie vom Lieferkettengesetz in seiner jetzigen Form? Wo sehen Sie Nachbesserungsbedarf?

Das Gesetz ist das Ergebnis von Jahren der Vorarbeit. Dabei hatten wir die Einhaltung der Menschenrechte und die Machbarkeit bei den Unternehmen im Blick. Am Ende haben wir uns in der Mitte getroffen. Ich wäre an manchen Stellen weiter gegangen, aber das Gesetz ist ein guter Kompromiss: Die Einhaltung wird von einer Behörde kontrolliert. Bei Verstößen gegen das Gesetz sind empfindliche Bußgelder möglich. NGOs und Gewerkschaften können zusätzlich die Rechte der Betroffenen künftig vor deutschen Gerichten unterstützen – durch die neue Prozessstandschaft.

Auch die EU debattiert über die Einführung eines europaweiten Lieferkettengesetzes, das – anders als das deutsche Gesetz – Kinder als eigene Interessensgruppe mit spezifischen Rechten anerkennt. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?

Das Ziel bleibt eine einheitliche europäische Regelung. Die EU sollte die deutsche Regelung jetzt zur Grundlage eines Vorschlags zur Einhaltung der Menschenrechte in allen europäischen Lieferketten machen. In Brüssel mahlen die Mühlen manchmal langsam. Deswegen war es richtig, voranzugehen. 

Achten Sie persönlich darauf, dass Sie beim Einkaufen Produkte wählen, die ohne Kinderarbeit hergestellt wurden? Wenn ja, wie?

Selbstverständlich. Ich trinke fair produzierten Kaffee und Tee. Bei der Kleidung achte ich auf unser Textilsiegel Grüner Knopf oder dass sie von einem Unternehmen unseres Textilbündnis stammt. Fair muss dabei nicht teuer sein. Nehmen Sie eine Jeans. Die wird in Bangladesch für fünf Dollar hergestellt. Ich habe mir das angesehen. Bei uns liegt sie dann für 50 oder 100 Euro im Laden. Die Näherinnen schuften 14 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, für einen Stundenlohn von weniger als 40 Cent. Eine Verdopplung würde schon reichen, damit ihre Kinder ordentlich essen und zur Schule gehen können. Die Jeans würde nur um einen Euro teurer in der Produktion – von 5 auf 6 Euro. In den Handelsspannen ist Luft, das aufzufangen.

Entwicklungsminister Müller beim Treffen mit Textilarbeiterinnen
Minister Müller beim Treffen mit Textilarbeiterinnen © Michael Gottschalk / photothek.net
Entwicklungsminister Müller besucht eine Textilfabrik
Minister Müller während eines Besuches in einer Nähfabrik © Ute Grabowsky / photothek.net

Sie sind jetzt viele Jahre Bundesminister gewesen. Was war für Sie der bewegendste Moment Ihrer Amtszeit?

Da denke ich an meinem Besuch in einem Flüchtlingslager in Bangladesch, in dem rund eine Million aus Myanmar vertriebene Angehörige der Rohingya-Minderheit leben. Dort habe ich in einer Hütte mit vertriebenen Frauen gesprochen. Sie haben unter Tränen berichtet, wie Regierungstruppen ihre Dörfer überfallen, sie vergewaltigt und ihre Hütten angezündet haben. Dann nahmen die Soldaten die Babys und warfen sie in die brennenden Hütten. Man kann kaum glauben, zu welchen Verbrechen Menschen in der Lage sind. Solche dramatischen Erlebnisse bestärken mich persönlich, für mehr Unterstützung zu kämpfen.

Worauf sind Sie in Ihrer Amtszeit besonders stolz und was waren die größten Herausforderungen?

Wir haben mit unseren Partnern in der Entwicklungszusammenarbeit wichtige Themen vorangebracht, wie das Lieferkettengesetz, Eine Welt ohne Hunger oder den „Marshallplan mit Afrika“. Künftig werden bessere Rahmenbedingungen für nachhaltiges Wirtschaften noch wichtiger. Denn ohne Investitionen keine Jobs und keine besseren Lebensverhältnisse. Aber klar ist, neben der Ernährungsfrage bleibt der Klimaschutz die zentrale Herausforderung für die gesamte Menschheit.

Ein wichtiger Schwerpunkt der Arbeit von World Vision ist das Thema Glaube und Entwicklung. Welche Bedeutung hat Religion in der deutschen Entwicklungspolitik?

Als Christ in der Politik habe ich ein klares Wertefundament: Der Starke hilft dem Schwachen – zuhause und in der Welt. Wir haben das Glückslos in der Welt-Lotterie gezogen, dass wir in Deutschland leben. Unser Wohlstand baut aber auch ein großes Stück auf der Ausbeutung der Menschen in den Entwicklungsländern auf. Ich habe mit Kindern in Steinbrüchen oder auf Plantagen gesprochen und kenne ihr Leid. Deshalb müssen wir Globalisierung gerecht gestalten. Das ist die soziale Frage des 21. Jahrhunderts.

 

Vielen Dank für das Interview und Gottes Segen für Ihren weiteren Lebensweg.

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