02.09.2021

Gemeinsam Kinderarbeit überwinden

Kinder müssen in Bangladesch für einen Hungerlohn arbeiten

Author: CVogel

Die Nadel summt, die Finger fliegen. Stoffstapel werden in Rekordgeschwindigkeit zusammengenäht. „60 Hosentaschen pro Stunde“, erklärt Bithi hinter der Nähmaschine. In einem Raum im zweiten Stock mit 20 anderen Frauen aus Bangladesch sitzt das 12-jährige Mädchen vor ihrer Maschine, während das Neonlicht kalt über den Köpfen leuchtet. Bithi ist eines von Tausenden Kindern in Bangladesch, die Designerjeans zusammennähen, die sie sich selbst nie leisten können.

Am ersten Tag der Arbeit fühlte ich mich schlecht. Ich musste weinen.
Bithi, arbeitet mit 12 Jahren in der Textilfabrik

Die Kleidung wird später in Geschäften in Kanada, den Vereinigten Staaten oder anderen reichen Ländern wie Deutschland verkauft. „Am ersten Tag der Arbeit fühlte ich mich schlecht. Ich war so klein und nur von älteren Menschen umgeben. Ich musste weinen“, erinnert sich Bithi. Mittlerweile ist die Arbeit für sie zur Routine geworden. Täglich hilft Bithi, mindestens 480 Jeanshosen herzustellen – für umgerechnet weniger als einen Euro Lohn am Tag.

Bithi arbeitet in der Textilfabrik

Bithi musste mit 12 Jahren anfangen, in einer Textilfabrik zu arbeiten.

Bithi beim informellen Unterricht von World Vision

Früher konnte Bithi noch den informellen Unterricht von World Vision für arbeitende Kinder besuchen.

Bithi musste wegen der Kinderarbeit ihren Traum, Ärztin zu werden, aufgeben

Heute hat sie dafür keine Zeit mehr und ihren Traum, Ärztin zu werden, aufgegeben.

Feroza, Bithis Mutter, musste ihre beiden ältesten Töchter in Textilfabriken schicken, bevor sie ins Teenageralter kamen. „Wir hatten nichts zu essen, nicht einmal Reis. Ich dachte, es ist besser für uns zu sterben, als nichts zu essen zu haben“, erinnert sich Feroza. Zu dieser Zeit war Ferozas Mann bettlägerig. Er konnte nicht arbeiten und die Familie steckte in einer Krise. Eineinhalb Jahre lang jonglierte Feroza mit der Hausarbeit, sechs Kindern und ihrem Taschengeschäft. Trotzdem reichte das Geld hinten und vorne nicht. Lebensmittel wurden erbettelt oder Geld von wohltätigen Familienmitgliedern und Nachbarinnen und Nachbarn geliehen, denn staatliche Hilfen wie in Deutschland gab es nicht. So konnte es nicht weitergehen.

Also tat sie das, was ihre eigenen Eltern gemacht hatten, als sie Jahrzehnte zuvor in Dhaka angekommen waren. Feroza schickte ihre älteste Tochter Doli mit zwölf Jahren in eine Textilfabrik. „Bevor ich überhaupt beginnen konnte, von der Zukunft zu träumen, habe ich angefangen zu arbeiten“, sagt Doli heute. Auch Bithi kam mit zwölf in die Fabrik. „Als Mutter bin ich sehr traurig darüber, aber ich muss realistisch bleiben“, sagt Feroza. Bithi besuchte früher täglich nach der Arbeit eine Schule. „Es war der Höhepunkt meines Tages“, sagt sie. Nun hat sie auch dafür keine Zeit mehr. Wenn Bithi andere Mädchen in ihrem Alter in ihren blau-weiß karierten Schuluniformen sieht, gibt sie zu, dass es „weh tut.“ Auch sie hatte einmal einen Zukunftstraum: Ärztin werden. Aber den hat sie längst aufgegeben. „Jetzt träume ich nur noch davon, auf meinen eigenen Füßen zu stehen“, sagt sie.

Fast jedes zehnte Kind muss arbeiten

Die internationale Staatengemeinschaft hat sich das Ziel gesetzt, Kinderarbeit bis 2025 zu beenden. Resolutionen und Konventionen fordern von Staaten, die schlimmsten Formen von Kinderarbeit zu unterbinden. Als Kinderarbeit werden Arbeiten bezeichnet, für die Kinder entweder zu jung sind oder die gefährlich, ausbeuterisch oder aus anderen Gründen schädlich sind. „Kinderarbeit im Allgemeinen darf aber nicht mit ausbeuterischer Kinderarbeit oder Zwangsarbeit gleichgesetzt werden. Denn leichte alters- und entwicklungsgerechte Arbeiten können sogar positive Auswirkungen auf Kinder haben“, sagt Kristina Kreuzer, Expertin für Kinderrechte und Kinderschutz bei World Vision Deutschland. In den meisten Ländern gibt es ein Mindestalter für legale Beschäftigung. Dieses liegt in der Regel zwischen 14 und 16 Jahren. In Gesetzen ist dann genauer festgelegt, welche Bedingungen zum Schutz des Kindeswohls erfüllt sein müssen.

Aktuellen Schätzungen zufolge müssen weltweit 160 Millionen Mädchen und Jungen arbeiten – das heißt: fast jedes zehnte Kind. Sie sind billige Arbeitskräfte und in vielen Branchen tätig. Mehr als 70 % der 5- bis 17-Jährigen arbeiten in der Landwirtschaft einschließlich der Fischerei. Dienstleistungen erbringen ca. 17 % der arbeitenden Kinder, beispielsweise im Groß- und Einzelhandel, in Hotels und Restaurants, im Transport- und Lagerwesen und in anderen Bereichen. Knapp 12 % der arbeitenden Kinder sind in der Industrie beschäftigt, oft als Hilfskräfte. Unter Zwangsbedingungen, die natürlich illegal sind, arbeiten allein in der Asien-Pazifik-Region mindestens 1,5 Millionen Kinder. Sie stellen Teppiche, Kleidung oder Ziegel her, zertrümmern Steine, verarbeiten Fisch oder Garnelen, schneiden Bambus, mahlen Reis, setzen Spielzeug zusammen, bauen Cobalt für unsere Handyakkus ab oder montieren elektronische Geräte. Die meisten Kinder, die arbeiten, haben keinen Arbeitsvertrag. Jungen findet man eher in sichtbaren Beschäftigungen, während Mädchen vor allem im Verborgenen arbeiten, etwa in Haushalten. „Dort werden arbeitende Kinder häufig Opfer von sexualisierter Gewalt und Misshandlung“, sagt Kristina Kreuzer.

World Vision kämpft gegen Kinderarbeit
World Vision kämpft gegen Kinderarbeit

Armut führt zu Kinderarbeit

Wie bei Bithis Familie ist bittere Armut die Hauptursache für Kinderarbeit. Je unsicherer die Existenzgrundlage ist, desto größer ist der Druck auf die Kinder, zum Einkommen beizutragen oder früh für sich selbst zu sorgen. Wenn gute Bildungs- und Ausbildungsangebote fehlen, erscheint es manchen Eltern umso sinnvoller, die Arbeitskraft ihrer Kinder zu nutzen. Auch wenn sie sehen, dass viele Schulabgängerinnen und -abgänger keine Arbeit finden, sind sie noch weniger bereit, in die Bildung ihrer Kinder zu investieren. Gegen Krisen sind arme Familien häufig schlecht abgesichert. So müssen Kinder einspringen, wenn z. B. Vater oder Mutter sterben, arbeitsunfähig werden, die Familie verlassen oder die Ernte zerstört ist. Manche Kinder erben von ihren Eltern Schulden und werden dann als Arbeitskräfte regelrecht gehandelt und ausgebeutet, um diese Schulden abzutragen. Je schlechter die Situation der Kinder ist, z. B. aufgrund der ungünstigen Wirtschaftslage oder dem großen Preisdruck auf Unternehmen, und kennen Kinder sowie Familien ihre Rechte nicht, dann ist das Risiko der Ausbeutung besonders groß.

Durch die Corona-Pandemie wurden weltweit etwa acht Millionen Kinder zusätzlich in Kinderarbeit gedrängt.
Kristina Kreuzer, World Vision-Kinderrechtsexpertin

Kinderarbeit und Bildung

Den Wunsch zu lernen und etwas aus ihrem Leben zu machen, haben sehr viele arbeitende Kinder, und manche schaffen es auch. Viele Untersuchungen zeigen aber, dass Kinderarbeit nicht gut mit Bildung zu vereinbaren ist. Rund ein Drittel aller 5- bis 14-jährigen arbeitenden Kinder geht nicht zur Schule. Und diejenigen, die es doch versuchen, haben es oft schwer, gute Lernergebnisse zu erzielen, weil sie müde zum Unterricht gehen oder keine Zeit haben, um außerhalb des Klassenraums zu lernen. Die Zahl der Schulabbrecherinnen und -abbrecher ist hoch unter arbeitenden Kindern. Ohne Bildung und Schulabschluss haben diese jungen Menschen allerdings nur geringe Chancen, eine besser bezahlte Arbeit zu finden und so der Armut zu entkommen. Im Rahmen von Projekten des KINDHEITSRETTERS bietet World Vision z. B. speziellen Unterricht für Kinder an, die arbeiten müssen. Sie haben zum Teil mehrere Jahre keine Schule mehr besucht und können durch diese Maßnahme wieder Anschluss an die Regelschule finden. Außerdem unterstützen wir Jugendliche darin, eine Ausbildung zu absolvieren, helfen Eltern, neue Verdienstmöglichkeiten zu finden oder bilden sie weiter, damit sie nicht vom Einkommen ihrer Kinder abhängig sind.

Kinderarbeit und Corona

„Durch die Corona-Pandemie wurden weltweit etwa acht Millionen Kinder zusätzlich in Kinderarbeit gedrängt, da viele Eltern ihren Arbeitsplatz verloren, krank wurden oder aufgrund von fehlenden staatlichen Hilfen oder Lohnkürzungen das Familieneinkommen nicht mehr allein bestreiten konnten. Die monatelangen Schulschließungen begünstigten zudem, dass diese Kinder arbeiten gehen mussten, anstatt in die Schule gehen zu können“, berichtet unsere Expertin Kristina Kreuzer.

Auch Kinder im Libanon berichten davon, wie im folgenden Video zu sehen:

World Vision kämpft weltweit gegen Kinderarbeit

2021 ist das Internationale Jahr zur Abschaffung von Kinderarbeit. World Vision setzt sich bereits seit Jahrzehnten für arbeitende Kinder ein. Wir klären z. B. Kinder, Eltern und die Arbeitgeber über Kinderarbeit und deren negative Folgen auf. Außerdem unterstützen wir lokale Kinderschutz-Netzwerke, die sich für den Schutz und die Rechte von arbeitenden Kindern einsetzen. Dabei ist es entscheidend, dass mit Regierungen und Behörden vor Ort zusammengearbeitet wird, um Kinderrechte zu stärken. Staaten müssen in die Pflicht genommen werden, in den Ausbau von sozialen Sicherungssystemen zu investieren und kostenlose qualitative Bildung für alle anzubieten. World Vision-Kinderrechtsexpertin Kristina Kreuzer: „World Vision geht ganzheitlich gegen ausbeuterische Kinderarbeit vor: Kindern soll das Recht auf Bildung gewährt werden. Wenn Kinder arbeiten müssen, weil sie sonst z. B. nichts zu essen haben, fördern wir flexible Bildungsangebote und kreieren gemeinsam – analog zu internationalem Recht – Arbeitsstandards, die für die Kinder nicht schädlich sind.“

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