18.03.2021

Eine Quelle der Hoffnung am Hindukusch

Die afghanische Ingenieurin Masouma Rasouli lässt Träume von sauberem Wasser wahr werden

Autor: Iris Manner

Mit ihrem Helm auf dem Kopf und der Zusammenarbeit mit Männern auf einer Baustelle bricht Masouma Rasouli mehrere Tabus. Die World Vision-Mitarbeiterin repräsentiert damit aber auch ein junges Afghanistan, das Hoffnungen auf eine bessere Zukunft hat und daran arbeitet, diese zu verwirklichen. Wir finden die zielstrebige Ingenieurin an Orten, wo Grundlegendes für ein gutes Leben fehlt: eine sichere Versorgung mit Trinkwasser.  

Masouma Rasouli ist selbst in einem Dorf ohne Wasser-Anschlüsse und ohne Strom aufgewachsen. "Meine Mutter musste im Winter das Eis aus einem Kanal brechen, um kochen und waschen zu können", erinnert sie sich. „Ich hatte den starken Wunsch, das zu ändern.  Nachts schaute ich in den Sternenhimmel, streckte meine Hände aus und versuchte die leuchtenden Punkte zu fangen, um Licht zu uns nach Hause zu bringen.“

Heute schaut sie mit demselben Wunsch von einer großen Stadt aus auf die vielen Dörfer, die abends noch im Dunkeln liegen und in denen Kinder mit Kanistern kilometerlange Fußmärsche bis einer Wasserquelle laufen müssen. Doch nun setzt die 31jährige nicht mehr auf die Strahlkraft weit entfernter Punkte am Himmel, sondern setzt auf handfeste Technik und Teamarbeit.

Masouma Rasouli ist die erste WASH-Ingenieurin bei World Vision Afghanistan.

Masouma Rasouli ist die erste WASH-Ingenieurin bei World Vision Afghanistan.

Um Ingenieurin werden zu können, musste Masouma viele Hindernisse überwinden. Ihre Schulnoten erregten zwar Bewunderung, aber "ich musste trotzdem oft mit meinen Eltern sprechen um sie zu überzeugen, dass ich mehr erreichen will als eine Heirat", erzählt sie. Auch ihre Wahl des Studiengangs Mechatronik stieß auf große Skepsis an der Universität, aber Masouma machte vor 5 Jahren als erste Frau in Herat ihren Abschluss - mit einem selbst gebauten Roboter. "Nichts spornt mich mehr an, als wenn jemand sagt: das kannst du nicht!", erzählt sie lächelnd. 

Ein Unternehmen zu finden, das eine weibliche Ingenieurin einstellt, schien fast aussichtslos zu sein. So musste Masoums sich zunächst mit Jobs unterhalb ihrer Qualifikation zufrieden geben. Mit Erfolgen als Lichtdesingerin arbeitete sie sich dennoch bis zur Geschäftsführung einer Firma hoch. 

Seit 2019 arbeitet sie bei World Vision Afghanistan als Ingenieurin für Wasser-, Sanitär-und Hygiene-Versorgung. Seither ist sie mit einem Team in drei Provinzen unterwegs, um in Dörfern und an Schulen die Infrastruktur zu verbessern.

Sauberes Wasser ist sehr knapp und wird oft nicht gut genutzt

Afghanistan hat große Probleme seine Bevölkerung mit sauberem Wasser zu versorgen. Nach Jahrzehnten des Krieges sind viele Netzwerke und Leitungen in den Städten marode, und auf dem Land erschwert das bergige, schwierige Terrain den Ausbau einer Infrastruktur. In vielen Dörfern müssen sich die Menschen daher noch mit Wasser aus Flüssen, Teichen oder offenen Handbrunnen behelfen. Da meist viel Wasser für die Landwirtschaft verbraucht wird, ist Trinkwasser für die Haushalte knapp. Der Klimawandel vergrößert die Probleme, denn es kommt häufiger zu Dürren und manchmal zu Flutkatastrophen. 

In den Projekten von World Vision geht es deshalb nicht nur darum, benachteiligten Menschen den Zugang zu Wasser zu ermöglichen bzw. zu erleichtern, sondern auch um die Förderung eines nachhaltigen Wasser-Managements und einer besseren Katastrophenvorsorge. Dazu werden Wasser-Kommitees geschult, klimafreundliche Landwirtschaftsmethoden vermittelt und Kinder in Schulen und Kitas dazu angehalten, die Wasserhähne zuzudrehen. 

Auf dem Land holen viele Menschen in Afghanistan ihr Trinkwasser noch aus Flüssen oder ungeschützten Quellen.

Auf dem Land holen viele Menschen in Afghanistan ihr Trinkwasser noch aus Flüssen oder ungeschützten Quellen. Hatan nimmt einen Esel zu Hilfe und ist trotzdem über eine Stunde unterwegs. Foto: Hélène Franchineau

Mädchen beim Wasserholen in Afghanistan

Meistens sind Kinder in den Familien zuständig für das Wasserholen. Oft hindert sie das daran, die Schule zu besuchen. Hier schöpfen Mädchen das Wasser aus einem Dorfteich. Foto: Narges Ghafary

Wasserturm mit solar-betriebener Pumpe in Afghanistan

Ein mit Solarenergie betriebenes Wasser-Pumpwerk und -Netzwerk, erbaut durch World Vision, verschafft Dörfern in der Provinz Badghis das ganze Jahr hindurch sauberes Wasser. Foto: Qauom Abdullahi

 Erfolg eines Wasser-Projektes:  Der 13jährige Basir aus Afghanistan spart viel Zeit und freut sich über sauberes Wasser.

Keine langen Wege mehr mit schweren Wasser-Kanistern: Der 13jährige Basir freut sich, jetzt nah am Haus sauberes Wasser für seine Familie zu bekommen.

Nichts spornt mich mehr an als wenn jemand sagt: Du kannst das nicht!
Masouma Rasouli, Ingenieurin für Wasser-, Sanitär-und Hygiene-Versorgung bei World Vision

Wenn Masouma ein Projekt übernimmt, ist sie fast täglich vor Ort. Sie klärt mit den Dorfbewohnern den Bedarf und die Anforderungen an die Wasserversorgung und entwickelt das technische Design, auch nach Vorgaben der Regierung. Auf der Baustelle überprüft sie dann, ob die Arbeiten nach Plan umgesetzt werden und ob das Baumaterial die benötigte Qualität hat. Wenn alles fertig ist, übergibt World Vision die neue Infrastruktur an die Gemeinde, wo sich dann meist mehrere Familien einen Wasserhahn teilen. Ein Wasser-Anschluss in der Nähe erspart vor allem Frauen und Kindern große Mühen im Alltag und verschafft ihnen Freiräume zum Lernen oder auch zu produktiverer Arbeit.

Auf dem Land trifft Masoums oft auf eine besonders konservative Kultur. Sie muss sich ein Stück weit anpassen und ist daran gewöhnt, dass die Dorfältesten sie anfangs meist gar nicht beachten. „Wenn sie merken, dass ich Ingenieurin bin und über technische Details mit ihnen rede, beginnen sie mich zu respektieren“, sagt sie.

Missachtung ist auch nicht die einzige Herausforderung, der sich eine Ingenieurin in Afghanistan stellen muss. Die Arbeit in der Entwicklungshilfe erfordert eine robuste Gesundheit, denn oft muss sie stundenlang durch unsichere Gegenden fahren, um entlegene Dörfer zu besuchen. Sich sichtbar zu machen und selbstbewusst aufzutreten, kann in Afghanistan zudem sehr gefährlich sein für eine Frau. 

 Brunnenbau in Afghanistan unter weiblicher Kontrolle
Die Überwachung von Arbeiten an einer Brunnen-Anlage gehören zu den Aufgaben von Ingenieurin Masouma Rasouli. Dorfbewohner reagieren oft erstaunt. Foto: Qauom Abdullahi
Wasser-und Sanitäranlagen sind ein wichtiger Schlüssel zu Bildung, besonders für Mädchen.
An einer Schule in Herat befragt die Ingenieurin Mädchen über die Wirkungen der neu installierten Wasser-Anlage.

Frauen und Kinder haben die meisten Alltagsprobleme mit schmutzigem Wasser

Macht es denn einen Unterschied, wenn eine Frau für den Zugang zu sauberem Wasser sorgt? „Es macht einen großen Unterschied, wenn man ein Wasser-Projekt aus der Perspektive von Frauen plant“, antwortet Masouma. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass sie damit die Probleme von Familien wirksamer lösen kann. „Frauen und Mädchen reden mit mir sehr offen. Sie sind jeden Tag dafür verantwortlich, Wasser zu sammeln und bereitzustellen“, erklärt sie. „Sie leiden durch schmutziges Wasser unter Infektionen. Unter den Kindern gibt es auch oft Streit, wenn sie an den Wasserquellen ewig mit ihrem Behälter in der Schlange anstehen. Solche Probleme sehen viele Männer nicht oder kümmern sich nicht darum.

Ich ermutige Frauen eigene Ziel zu verfolgen.
Masouma Rasouli, Ingenieurin für Wasser-, Sanitär-und Hygiene-Versorgung bei World Vision

Bei Mädchen und Frauen hinterlässt Masoumas Arbeit noch eine andere Spur: sie sehen, dass es auch möglich ist eigene Ziele zu verfolgen. „Ich spüre große Neugier und Begeisterung, wenn ich ihnen von meiner Ausbildung und meinem Werdegang erzähle und das zeigt mir, dass viele ebenfalls davon träumen ein anderes, besseres Leben zu führen. Mein Beispiel inspiriert sie, und ich versuche sie zu ermutigen."

Asuntha Charles, Direktorin von World Vision Afghanistan, unterstützt das durch Ausbildungsangebote. Einige Studentinnen, die ebenfalls Ingenieurinnen werden wollen, machen jetzt ein Praktikum im Team. Wir wünschen ihnen viel Erfolg!

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