06.08.2020

Katastrophe im Libanon

Unser Mitarbeiter Martin Hiltbrunner zur Lage in einem zerrissenen Land

Autor: Dirk Bathe

Martin Hiltbrunner ist bei World Vision Deutschland unter anderem für humanitäre Hilfe zuständig. Er kennt den Libanon aus eigener Anschauung sehr gut: Der 47-Jährige hat von Oktober 2017 bis Juni 2020 im Libanon gelebt. Wir haben ihn zur aktuellen Situation befragt und was dem Libanon helfen könnte:

1. Der Libanon galt einmal als „Schweiz des Nahen Ostens“. Dann kamen Bürgerkriege, Kriege und militärische Auseinandersetzungen mit dem Nachbarn Israel, Terrorismus und der Zerfall staatlicher Strukturen. Jetzt steht der Libanon vor dem Kollaps. Ist der Libanon noch zu retten?

Der Libanon wird zurecht „Schweiz des Nahen Ostens“ genannt, wir waren immer wieder beeindruckt über die Schönheit und Vielseitigkeit des Landes. Tatsächlich hat das Land zum Zeitpunkt mit vielschichtigen und tiefen Problemen zu kämpfen und es wird darauf ankommen, ob sie fähige Personen beauftragen, das Land aus dieser schon sehr tristen Situation zu führen.

2. Der Libanon ist ein Staat mit vielen sozialen Gruppierungen, Christen, Muslime, Drusen, dann viele syrische Flüchtlingen dazu die verschiedenen militärischen Organisationen. Gibt es überhaupt so etwas wie ein gemeinsames Interesse, den Staat zu erhalten?

Mein Eindruck war zuerst, dass der Zusammenhalt zwischen den einzelnen Gruppierungen tatsächlich nicht so groß war, doch als dann die Demonstrationen im Oktober begannen war ich beeindruckt, wie sich normale Leute auf der Straße vereinten, um für ihr Land zu demonstrieren mit dem Fokus, die Missstände im Land zu beseitigen.

Katastrophe im Libanon
Zerstörung nach der Katastrophe im Libanon

3. Der Libanon hat eine starke Zivilgesellschaft. Seit Monaten forderten Demonstranten Reformen und den Rücktritt der Regierung, die aus ihrer Sicht korrupt und unfähig ist. In wie weit haben die Demonstranten recht?

Meine Frau hat gestern mit unserer ehemaligen Nachbarin gesprochen. Neben den Tränen der Trauer und der Verzweiflung kam im Gespräch eine große Wut über die Anzahl der Missstände im Land zum Ausdruck, weil diese Explosion halt auch als zerstörerisches Zeichen der Missstände gesehen wird.

4. Die Explosion im Beiruter Hafen ist – nach allem, was wir wissen – ein Unfall gewesen. Viele Länder, auch Deutschland, schicken Hilfe. Sogar Israel hat Unterstützung angeboten. Kann dies der Auftakt für ein internationales Programm zur Rettung Libanons sein?

Die Nothilfe, die nun angebrochen ist, hat einen ganz klaren humanitären Zweck, Leben zu retten und die wichtigsten Bedürfnisse der betroffenen Personen abzudecken. Ob dann zu einem späteren Zeitpunkt doch noch ein internationales Rettungspaket geschnürt wird, ist zu diesem Zeitpunkt zu früh zu sagen.  

5. Welche konkreten Maßnahmen müssten denn ergriffen werden, um den Libanon wieder auf einen positiven Weg zu bringen?

Von nationaler und auch von internationaler Seite aus? Die Reformwünsche der Zivilgesellschaft müssen in der Zukunft schon dringend nötig angegangen werden. In den Demonstrationen wurde aber klar zum Ausdruck gebracht, dass sie nicht zufrieden sind mit dem Abtritt der Regierung, sie forderten tiefergreifende Veränderungen.

6. Und welche Rolle kann Deutschland dabei spielen?

Deutschland ist schon jetzt sehr aktiv im Libanon auf verschiedensten Ebenen durch verschiedenste Institutionen wie World Vision. Die weiterführende Unterstützung dieser Organisationen ist sicher eine ganz praktische Möglichkeit.

Unterstützen Sie die Hilfen von World Vision mit Spenden:

Verwendungszweck „Libanon“
IBAN DE72370601934010500007 (PAX-Bank eG)

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