Elinah Ngwenya aus Simbabwe leitet eine Produzentengruppe, die mit Hilfe von World Vision unter anderem eine Schweinezucht aufgebaut hat

Frauen-Power belebt Wirtschaft in Simbabwe

Jugend hofft auf Jobs und Reformen
Author: SHolten  | 
25. April 2018
Author: SHolten
interessante Fels-Formationen entlang der Straße in Makoni - Simbabwe

Ich bin in Simbabwe, um mir ein sogenanntes Greenfield-Projekt im Distrikt Makoni anzusehen. Sein Hauptziel ist die Bekämpfung von Armut, indem lokale Potentiale für landwirtschaftliche Unternehmen gezielt genutzt und die Aktivitäten auf ein wirtschaftlich erfolgreiches Niveau gebracht werden. 2016 wurde es gestartet. Im Projektgebiet leben knapp 10.000 Kinder, darunter 1.630 Patenkinder.

Das Projektgebiet umfasst 145 Dörfer und liegt etwa 2 Stunden Autofahrt östlich von Harare, der Hauptstadt Simbabwes. Die Natur ist wunderschön, die Straße gesäumt von außergewöhnlichen Gesteinsformationen, die von Wind, Regen und Erosion über die Jahrtausende geformt wurden. Manche Felsen balancieren auf der Spitze und gefährlich nah an der Straße. „Jeden Moment kann einer der riesigen Gesteinsbrocken auf die Autos runterkullern“, denke ich. Auf der anderen Straßenseite sehe ich einen wunderschönen, klaren See. Hier könnte man gut ein Hotel errichten, denn der See ist glasklar und es gäbe auch keine Krokodile, versichern mir meine Kollegen. Allerdings soll es dort Meerjungfrauen geben, beteuern Einheimische. Daher müsse man vorsichtig sein.

See im Makoni-Distrikt in Simbabwe

Alles ist miteinander verbunden

In Makoni angekommen, werden wir von der Produzentengruppe mit dem zeremoniellen Händeklatschen empfangen. Nach Begrüßung und Einführung gehen wir zunächst zu den Schweineställen. Ein ohrenbetäubender Lärm empfängt uns, denn gerade gibt es Futter. Kurze Zeit später hören wir dann zufriedenes Grunzen. Elinah erklärt, dass die Gruppe vor zwei Jahren mit 11 Schweinchen gestartet hätte. Heute würden sich schon 211 Schweine in den Ställen befinden. Jedes Schwein könne man nun für etwa 150 Dollar verkaufen. 70 Prozent der Einnahmen würden wieder in die Projekte reinvestiert.

 

neugierige Schweine in Simbabwe - ein von World Vision unterstützter Betrieb
Fütterung in einer von World Vision unterstützten Schweinezucht in Simbabwe

World Vision hat mehrere Produzentengruppen dazu ermutigt, Landwirtschaft für größere Märkte und nicht nur für den lokalen Markt zu betreiben. Auch wird eine integrierte Nutzung aller Ressourcen gefördert. Das bedeutet: alle Aktivitäten greifen ineinander und fördern sich gegenseitig. So wird der Abfall aus der Schweinezucht für den Betrieb einer Biogasanlage genutzt. Die Reste, die aus der Biogasanlage übrigbleiben, werden wiederum als natürlicher Dünger auf den Äckern verwendet. Auch die Algenproduktion wird mit dem Dung der Schweine angeregt, um Futter für Fische in den neu angelegten Teichen zu produzieren. Solaranlagen fördern sauberes Trinkwasser. Für die Fischzucht wurden Wasserrohre verlegt, um das Wasser aus den Bergen in die Teiche zu leiten.

Biogasanlage kombiniert mit Schweinezucht in World Vision-Projekt in Simbabwe
Ein World Vision-Patenkind trinkt an einem Schulbrunnen

Gemeinsam mit einer benachbarten Schule werden Obst-und Gemüsegärten angelegt, die die Ernährung der Kinder verbessern und zur Deckung von Schulkosten beitragen können.

Die Gemeinschaft hat Großes vor und verspürt nach vielen Jahren des Niedergangs Zuversicht, endlich eine konkrete Chance, dass es aufwärts gehen könnte.

Nach dem Regierungswechsel in Simbabwe im November 2017 sind noch nicht viele der dringend notwendigen Reformen in Gang gekommen, aber es gibt Anzeichen für Öffnungen des Landes nach außen und für manche Erleichterungen des Alltags. So gibt es momentan keine Straßensperren mit Polizeikontrollen, Journalisten sind willkommen, um über das Land zu berichten und es sind einige Gesetzesänderungen geplant, um Investitionen im Land zu ermöglichen.

Viel Skepsis, aber auch Hoffnung und einfallsreiche Selbsthilfe

Doch noch sind viele Menschen unsicher bis skeptisch, ob die Regierung ihre Versprechungen hält. Und wir hören von vielen, wie kompliziert das Leben infolge der Wirtschaftskrise ist. „Wenn wir Geld von der Bank holen möchten, müssen wir uns manchmal nachts anstellen und oft bekommen wir dann nur einen kleinen Betrag ausgezahlt“, erklärt zum Beispiel Francisca Madziwa. Die Mutter von 5 Kindern führt im Projektgebiet eine Spargruppe, die 16 Mitglieder hat. Früher seien sie einfach Nachbarn gewesen, aber dann hätten sie erkannt, dass sie mit ihren geringen Finanzmitteln gemeinsam mehr erreichen könnten, erzählt Francisca. Sie erklärt uns, dass die Menschen kein Vertrauen in das Bankensystem hätten. Eine Spargruppe mit eigener Kasse sei für sie besser als ein gemeinsames Bankkonto. Wenn sie es zur Bank brächten, würde das Geld immer weniger werden. „Mit unserer Kasse kommen wir wenigstens jederzeit an das Geld ran“, betont Francisca.

Von World Vision ist die Gruppe beraten worden, wie die eingezahlten Beiträge gut verwaltet und zugleich durch Investitionen vermehrt werden kann. Mehrheitlich sind in der Spargruppe ebenfalls Frauen vertreten. Regelmäßig treffen sich die Mitglieder, um ihre Sparbeiträge einzuzahlen, andere beantragen einen Kredit, der auch von der Mehrheit der Mitglieder genehmigt werden muss. Die Funktionen sind auf verschiedene Personen verteilt und laut wird vorgelesen, wer welchen Betrag einzahlt und wer einen Kredit in welcher Höhe bekommt. Der Prozess ist äußerst transparent und für die „Spardose“ gibt es drei Schlüssel, die auf 3 verschiedene Personen verteilt sind.

Sicheres Kapital:  In einer von World Vision unterstützten Spargruppe geben sich die Mitglieder untereinander Kredit und investieren auch gemeinsam.

Arbeitsplätze für Jugendliche müssen her

Eines der größten Probleme im Land ist die Arbeitslosigkeit, die etwa bei 90% liegt. Selbst mit einem guten höheren Schulabschluss oder sogar nach dem Universitätsbesuch finden die meisten jungen Simbabwer keinen regulären Job. Man sieht viele von ihnen auf der Straße Telefonkarten verkaufen.

Wir fahren in eine Schule. World Vision unterstützt die Schule mit diversen Materialien und fördert das Verständnis für Kinderrechte. Wieder werden wir äußerst herzlichen empfangen. Mädchen und Jungen aus verschiedenen Klassen tragen ihre Beiträge zu einem Gedicht-Wettbewerb vor. Das Thema ist „Like a tree we grow“ (Wie ein Baum wachsen wir). In ihren Gedichten erklären sie, was Kinder brauchen, um gesund aufzuwachsen. Sie sprechen von Liebe und Vertrauen, von Schutz vor Gewalt und Zugang zu Bildung, aber auch von saubererem Trinkwasser und gutem Essen.

Nach dem Ende der Vorführung sprechen mich viele junge Simbabwer an, ob ich einen Tipp hätte, wie sie einen Job finden könnten. Manche wirken im Gespräch zutiefst verzweifelt. Sie haben sich in der Schule angestrengt, um einen guten Abschluss zu machen und nun stünden sie auf der Straße. Die 20jährige Ashley Nhire erklärt: „Die Wirtschaft in Simbabwe liegt am Boden und viele Kinder können nicht zur Schule gehen, weil ihre Eltern die Schulgebühren nicht aufbringen.“

Kinderrechte bekannt machen - Gedichtwettbewerb an einer Schule in Simbabwe

Am letzten Tag meiner Reise fahren wir zu einer weiteren Gemeinde, die schon vor einiger Zeit mit der Fischzucht begonnen hat. Heute ist Premiere – die ersten Fische sollen aus dem Teich geholt werden. Zwei Männer steigen mitsamt ihrer Kleidung in den Teich und versuchen mit Netzen möglichst viele der Fische einzufangen. Rundherum haben sich die Gemeindemitglieder versammelt und feuern sie mit lauten Rufen an. Zum Schluss pflücken sie etwas unbeholfen rund 20 Fische aus dem Netz. Der 36jährige Dickson Dangirwa, Vizepräsident der Gruppe erläutert: „9500 Fische wurden vor einem halben Jahr in 2 Teichen ausgesetzt, einen Teil der Fische behalten die Mitglieder, ein Teil wird auf dem Markt verkauft. Wir hoffen, dass wir etwa 2500 – 3000 Dollar an Erlös einnehmen können. Ein Teil des Erlöses wird in Projektmaßnahmen reinvestiert, ein Teil kommt den Gemeindemitgliedern zugute.“

Mitglieder einer Produzentengruppe in Makoni / Simbabwe begutachten Fische aus ihrer ersten Fischzucht.

Ein paar Fische bereiten die Frauen für uns als Mittagessen vor. Es handelt sich um Tilapia – ein sehr leckerer Fisch. Als wir aufbrechen, umarmen uns die Menschen herzlich und wünschen uns alles Gute für die Rückreise. Auch wir wünschen ihnen eine gute Zukunft. Ich bin zuversichtlich, dass Simbabwe sich positiv entwickeln wird. Die Menschen sind engagiert und voller Hoffnung, sie sind gut ausgebildet und wollen ihr Land nach vorn bringen. Ich spüre ihren Enthusiasmus und hoffe sehr, dass alle ihre Träume in Erfüllung gehen. Ich komme bestimmt wieder, denn Simbabwe hat auch touristisch viel zu bieten und die Menschen sind äußerst freundlich und friedliebend.