"Wir müssen uns schützen!"
Nach China verkauftes Mädchen aus Myanmar wird Aktivistin gegen Menschenhandel
Die 19jährige Nang ist nie zur Schule gegangen. Sie musste mit wechselnden Gelegenheitsjobs zum Überleben ihrer Familie beitragen. Als sich im März 2012 eine „Gelegenheit“ auftat, glaubte sie zugreifen zu müssen, um ihrer Familie noch besser helfen zu können. „Ich ging mit einem Arbeitsvermittler mit und arbeitete in einer Bananen-Farm. Nach zwei Tagen wurde ich beschuldigt, Geld gestohlen zu haben und dann wurde ich auch geschlagen. Dann schleuderte mir jemand Wasser ins Gesicht und ich bekam nichts mehr mit. Als ich wieder zu Bewusstsein kam, war ich im Haus einer chinesischen Frau.“
“Als ich meine Situation begriff, hatte ich große Angst. Ich wusste nicht was tun und weinte hilflos”, berichtet Nang. In diesem Moment steht sie aufrecht vor einer großen Ansammlung von Politik- und Regierungsvertretern sowie interessierten Bürgern und erzählt ihre Geschichte während einer Veranstaltung mit rehabilitierten Opfern von Menschenhändlern.
Auf der Baustelle - "Kein leichter Job für Mädchen"
Nang, das älteste von vier Kindern ihrer Familie, lebt in Kyaing Tong in der ostbirmesischen Provinz Shan. Ihre Eltern sind auch Gelegenheitsarbeiter und verdienen mit ihren Jobs kaum genug für das Nötigste zum Überleben. Schon als Kind arbeitete Nang mit ihnen auf den Feldern anderer Leute, zum Beispiel bei Reisanpflanzungen. Wenn die Pflanzzeit vorüber war, wechselte Nang zu Arbeiten auf Baustellen. „Auf einer Baustelle zu arbeiten, ist alles andere als ein leichter Job. Es ist auch nicht sicher, vor allem für ein Mädchen. Aber ich hatte keine andere Wahl. Meine Eltern konnten uns vier Kinder kaum satt bekommen und wollten doch meine Geschwister in die Schule schicken. Ich musste ihnen als älteste Tochter helfen.“
Dem Arbeitsvermittler glaubte Nang, als er ihr die Aussicht auf eine besser bezahlte Arbeit ausmalte. “Er sagte, ich solle auf einer Bananen-Fam in Tar Lot, einer Stadt an der Grenzu zu China arbeiten und würde dort jeden Tag 10.000 Kyat [umgerechnet ca. 12 Dollar] verdienen. Das ist viel Geld im Vergleich zu dem was ich auf den Reisfeldern oder auf den Baustellen verdient habe. Ich ging also mit und arbeitete in der Bananen-Farm. Nach zwei Tagen wurde ich beschuldigt, Geld gestohlen zu haben und dann wurde ich geschlagen. Dann schleuderte mir jemand Wasser ins Gesicht und ich bekam nichts mehr mit."
Eiskaltes Geschäft
Als Nang wieder zu Bewusstsein kam, fand sie sich im Haus einer chinesischen Frau in West-Kumin wieder. "Ich erfuhr, dass ich für 300.000 Kyats (umgerechnet rund 350 Dollar) an sie verkauft worden war. Die Chinesin besaß eine Eisfabrik und dort musste ich nun arbeiten. Ich musste um 5 Uhr morgens aufstehen und bis 6 Uhr abends arbeiten. Es war sehr kalt dort und meine Hände waren dauernd taub. Sie gaben mir sehr wenig zu essen; deshalb war ich dauernd hungrig“, beschreibt Nang ihren Albtraum. Nangs Mutter machte sich große Sorgen, als ihre Tochter plötzlich verschwand. Sie bat World Vision um Hilfe. World Vision half ihr mit der Polizei zusammen zu arbeiten. Nach fünf Wochen wurde der Arbeitsvermittler verhaftet und Nang glücklicherweise gefunden, so dass sie zu ihrer Familie zurückkehren konnte.
“Als mein Vater mich sah, brach er in Tränen aus. Wir sind sehr glücklich wieder zusammen zu sein. Ich bin World Vision so dankbar für die Hilfe. Ich wünsche mir, dass niemand so etwas Schreckliches erleben muss. Wir jungen Leute sollten nicht einfach glauben, was fremde Menschen uns sagen“, sagt Nang.
Das durch die Erfahrung gereifte Mädchen will andere Jugendliche für die Gefahr des Menschenhandels sensibilisieren und hat sich daher entschlossen ihre Geschichte bei den von World Vision organisierten Aufklärungsveranstaltungen zu erzählen. „Wir brauchen Bildung und Wissen, um uns schützen zu können. Es ist wirklich wichtig für jeden, über Menschenhandel Bescheid zu wissen und Ansprechpartner für Hilfe zu haben, damit wir uns und die Menschen um uns herum schützen können“, fasst Nang zusammen. Zum Hintergrund:
Aus den an China grenzenden Gebieten in dem armen Myanmar (Birma) werden Mädchen als Arbeitskräfte, aber auch als Hausmädchen und für Heiraten vermittelt bzw. von organisierten Menschenhändlern verkauft, denn in China gibt es wegen der Ein-Kind-Politik der letzten Jahrzehnte mittlerweile einen großen "Männer-Überschuss". Die oben erwähnten Aufklärungsveranstaltungen sind Teil einer grenzüberschreitenden Initiative zur Bekämpfung von Menschenhandel, bei der World Vision mit verschiedenen Partnern zusammen arbeitet.
















