20. Dezember 2009

Entwicklungsexperte Kurt Bangert hat für World Vision den Klimagipfel in Kopenhagen beobachtet. Wie er die Ergebnisse und Vereinbarungen (Kopenhagen Accord) einschätzt und was er für Konsequenzen für die Klimapolitik sieht, hier:

Welche Vereinbarungen enthält der "Copenhagen Accord"?

Der Copenhagen Accord zielt auf eine Begrenzung der globalen Erwärmung auf maximal 2 Grad C ab. Er enthält jedoch auch eine Formulierung, wonach geprüft werden soll, ob eine Temperaturbegrenzung von 1,5 Grad zu erreichen ist. Der Accord bekennt sich leider nicht dazu, Treibhausgasemissionen bis 2050 weltweit um 50% gegenüber 1990 zu reduzieren. Der Höchststand der Treibhausgasemissionen soll aber „möglichst bald“ erreicht werden, wobei den Entwicklungsländern mehr Zeit gegeben werden soll als den Industrienationen, die diesen Höchststand früher erreichen müssen. Es gibt darüber hinaus eine Übereinkunft, dass die entwickelten Staaten den Entwicklungsländern zusätzliche, vorhersehbare und adäquate finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellen sollen. 30 Millionen Dollar sollen dafür bis 2012 zur Verfügung gestellt werden, ab 2020 sogar 100 Millionen pro Jahr, wobei dieses Geld sowohl von staatlichen als auch von privaten, einschließlich alternativer Finanzquellen (Schiffssteuer, Finanztransaktions¬steuer?) kommen soll. Zur Abwicklung dieser Gelder soll zunächst der Copenhagen Climate Fund etabliert werden. Der Copenhagen Accord sieht auch vor, dass es Anreize für Entwicklungsländer geben soll, um den Prozess der Entwaldung zu stoppen, da der Erhalt der Wälder der wichtigste Beitrag zur Minimierung des CO2-Gehalts in der Luft darstelle.

Wie ist das Kopenhagener Abkommen insgesamt einzuschätzen?
Der „Copenhagen Accord“ wurde zwar im Rahmen des Kopenhagener Klimagipfels formuliert, aber er wurde von den dort anwesenden Staaten bisher nicht verabschiedet, sondern nur „zur Kenntnis genommen“. Er wurde von Teilnehmern sehr unterschiedlich bewertet. Manche hielten ihn als ein Startpunkt für einen noch weiter zu führenden Prozess für einen Erfolg, wenn auch nicht für einen Durchbruch. Andere kritisierten Inhalt und Zustandekommen des Accords. Typisch war die Bemerkung des pakistanischen Delegierten, der beklagte, „that we have come here for an agreed outcome, not to cut a deal“. Jedem Staat ist es nun freigestellt, dem Copenhagen Accord zuzustimmen oder nicht. Mitgliedsstaaten werden im Accord aufgefordert, bis Ende Januar ihre Reduktionsziele der Treibhausgasemissionen in eine Tabelle einzutragen. Wichtig ist zu erkennen, dass der Copenhagen Accord nur der Anfang einer Verhandlungsreihe sein kann, die darauf abzielen muss, nationale Reduktionsziele zu setzen, die geeignet sind, das globale Ziel von 2 Grad Erwärmung zu halten. Der britische Premierminister Brown hat gefordert, die EU müsse ihre Reduktionsziele sofort von 20% auf 30% erhöhen, um dadurch ein Signal für alle übrigen Staaten zu setzen. Es wird jetzt auch eine Reform und Beschleunigung des Prozesses gefordert, um sich auf international verbindliche Reduktionsziele zu einigen.

Ist der Klimagipfel nun gescheitert oder nicht?
Gescheitert ist der Klimagipfel in Kopenhagen, insofern das angestrebte Abschlussdokument nach Auskunft aller Beteiligten drei Eigenschaften hätte haben sollen, die das ausgehandelte Papier schmerzlich vermissen lässt: Es sollte fair, ehrgeizig und verbindlich sein. Präsident Obama gestand bei seiner Abschlussrede offen ein, dass der Accord nicht verbindlich sei und die Tatsache, dass der Abkommen nicht verabschiedet, sondern nur zur Kenntnis genommen wurde, bestätigte diese Einschätzung. Der Accord ist auch keineswegs ambitioniert, weil er keine nationalen Reduktionsziele enthält. Kein Staat ist verpflichtet, irgendein Emissionsziel zu erreichen, das er sich nicht selbst freiwillig gesetzt hat. Fair ist der Accord insofern die Industriestaaten eher in die Pflicht genommen werden als Entwicklungsländer und die Industriestaaten darüber hinaus finanzielle Hilfe in Aussicht stellen, was aber keineswegs verbindliche Zusagen sind.

Ist es nicht schon ein wichtiger Erfolg, dass der Accord den Temperaturanstieg auf maximal 2 Grad Celsius festschreibt?
Ja, das ist ein gewisser Erfolg, von dem aber alle Beteiligten ohnehin als Minimalziel ausgegangen waren. Es ist zunächst aber nicht mehr als ein Lippenbekenntnis, da dieses Ziel nicht durch nationale Emissionsziele unterfüttert wird. Außerdem ist die Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 2 Grad C das Äußerste, was sich die Völkergemeinschaft nach Auskunft der Klimaforscher erlauben kann, um die schlimmsten Auswirkungen zu verhindern. Aber schon ein Anstieg um 2 Grad C wird katastrophale Folgen haben, die wir teilweise jetzt schon beobachten können. 2 Grad plus weltweit bedeuten 3,5 Grad plus in Afrika und 5-7 Grad plus in der Arktis. Was wir heute bereits sehen, wird sich in Zukunft weiter verschärfen: Jahrhundertstürme und Jahrhundertfluten werden sich häufen, denen (wie im Falle des Wirbelsturms Nargis in Südbirma) tausende von Menschen zum Opfer fallen dürften. Durch den Temperaturanstieg dehnt sich das Meerwasser aus, was zu einem Anstieg des Meeresspiegels führt, der durch massive Eis- und Gletscherschmelze noch weiter verschärft wird; dadurch sind niedrig gelegene Inseln ebenso wie Delta- und Küstenregionen vermehrt Fluten und Überschwemmungen ausgesetzt. Wichtige Flora und Fauna sind ebenfalls in Gefahr. Der Temperaturanstieg, selbst wenn auf 2 Grad begrenzt, wird in vielen Teilen der Welt zu verringerten Regenfällen, Dürreperioden, Hunger, Unterernährung und zum Tod vieler Menschen führen.

Warum ist die Begrenzung der Klimaerwärmung auf 2 Grad plus so wichtig?
Weil die 2 Grad plus einher gehen mit dem maximal verträglichen CO2-Gehalt in der Luft. Es wird derzeit mehr CO2 in die Luft emittiert, als die Natur absorbieren und aus der Luft entfernen kann. Deswegen steigt der CO2-Gehalt in der Luft kontinuierlich an und sorgt so für die globale Erwärmung. Allerdings gilt die Kapazität der Luft, CO2 aufzunehmen, als begrenzt. Diese Grenze liegt nach wissenschaftlicher Einschätzung bei 450 ppm (parts per million). Übersteigt der CO2-Gehalt der Luft diesen Anteil, so ist ein steiler Anstieg des CO2-Gehalts in der Luft und eine run-away-Erwärmung zu befürchten mit so genannten Kipp-Effekten (tipping points), die unvorhersehbare und verheerende Folgen haben und zahlreiche Ökosysteme der Welt verändern können. Dazu gehören etwa die Umkehrung bzw. Versiegen des Golfstromes, das Schmelzen des Grönlandeises, der Verlust des arktischen Meer-Eises, die Freisetzung von Methaneishydraten an den ozeanischen Kontinentalhängen (Methan ist ein schwer abbaubares Treibhausgas) usw. Beim Abschmelzen des Grönlandeises wird ein Meeresanstieg von rund sieben Metern erwartet.

Welches sind die Reduktionsziele der wichtigsten Staaten, die gegenwärtig auf dem Tisch liegen?
Die EU hat gemeinschaftlich eine Reduktion (bis 2020) von 20% (gegenüber 1990) beschlossen und ihre Bereitschaft signalisiert, dieses Ziel auf 30% zu erhöhen, wenn andere sich Staaten vergleichbare Ziele setzen. Japan will um 25% (gegenüber 1990) reduzieren. Die USA haben eine Reduktion von 17% (bis 2020) angekündigt, aber nur im Vergleich zu 2005, was nur eine bescheidene Reduktion von 3-4% gegenüber 1990 ausmacht. Immerhin: Die USA haben sich zum ersten Mal bewegt. China hat sich bereit erklärt, seine Treibhausgasemissionen um 40-45% zu reduzieren, aber auch nur gegenüber dem Jahr 2005. Indien ist bereit, seine Emissionen um 20-25% zu reduzieren, ebenfalls nur gegenüber 2005. Insgesamt reichen die vorgeschlagenen Reduktionsziele bei weitem nicht aus, um den Temperaturanstieg auf 2 Grad C zu begrenzen. Bei den gegenwärtig auf dem Tisch liegenden Zielen steuern wir auf eine globale Erwärmung von 3-4 Grad C. zu.

Welche Konsequenzen hat der Klimagipfel und der Copenhagen Accord für die Arbeit der Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, darunter World Vision?
Die Klimaveränderungen, die befürchtet werden und die bereits jetzt zu beobachten sind, sind geeignet, die in den letzten 50 Jahren erzielten Erfolge der Entwicklungszusammenarbeit zu gefährden. Es steht nicht weniger auf dem Spiel als der Erfolg und der Sinn unserer ganzen Entwicklungsarbeit, insbesondere auch Fortschritte, die im Sinne des Kinderwohls erreicht worden sind und die jetzt in erheblichem Maße gefährdet sind. Der Klimawandel wird zwangsläufig zu gravierenden Veränderungen des Klimas, der Ökosysteme und der Lebensräume von Mensch und Tier führen. Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, darunter World Vision, müssen für sich neue, zusätzliche Aufgaben erkennen, um den Armen, die besonders vom Klimawandel betroffen sind, beizustehen, und zwar durch a) energieeffiziente Entwicklung, b) klimafreundliche Technologien, c) verbesserte Katastrophenvorbeugung und Katastrophenvorsorge sowie d) den Erhalt des Waldes und großflächig angelegte Wiederaufforstungsprogramme. Gerade im Hinblick auf Gelder, die für die Wiederaufforstung oder für die Reduzierung der Emissionen und zur Anpassung an den Klimawandel zur Verfügung gestellt werden dürften, können sich die Entwicklungsorganisationen positionieren, um sie in Anspruch zu nehmen und ihre Entwicklungsarbeit klimafreundlicher zu gestalten.
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