Vorwort zu „Das Mädchen und der Krieg” von Wolfgang Niedecken,
Botschafter der Aktion „Gemeinsam für Afrika“
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Seit ich im August 2003 für die Aktion „Gemeinsam für Afrika“ in Uganda unterwegs war, um mir vor Ort ein Bild über die Arbeit der verschiedenen Nicht-Regierungs-Organisationen zu machen, habe ich immer wieder versucht, besonders bezüglich Gulu, der letzten Station meiner Rundreise, auf dem Laufenden zu bleiben.
Gulu und das was ich dort erlebt habe ist das, was ich für unseren Song „Dreimohl zehn Johre“ in dem Satz „...koot enn de Höll jeluhrt enn Afrika“ (...kurz in die Hölle geschaut in Afrika ) zusammengefasst habe.
Mit einem kleinen Flugzeug waren wir von der Hauptstadt Kampala aus in den Norden geflogen, weil – wie es hieß – die Strecke über Land nicht sicher war. Man hatte uns von einer Art Bürgerkrieg erzählt, der aber in Wirklichkeit nichts anderes ist als das Terrorregime eines durchgeknallten Warlords namens Joseph Kony, der mit seiner pseudoreligiösen „Lord’s Resistance Army“ die Menschen dieser Region raubend, mordend und vergewaltigend davon abhält, ihre Felder zu bestellen, ihr normales, bescheidenes Leben zu führen. Kinder beiderlei Geschlechts zwischen acht und vierzehn werden entführt um sie – je nach Eignung – zu Kindersoldaten, Lastenträgern und Sexsklaven zu machen. Eine der ersten Aufgaben, die ein zwangsrekrutierter männlicher Jugendlicher zu erfüllen hat, ist beispielsweise einen möglichst nahen Verwandten mit der Machete abzuschlachten, womit ihm der Weg zurück in die Familie ein für allemal versperrt werden soll.
Rund um Gulu leben die Menschen in Flüchtlingslagern, die ihnen aber auch keinen ausreichenden Schutz bieten können, so dass sich allabendlich vor Einbruch der Dunkelheit tausende von Kindern mit ihren Schlafmatten auf den Weg in die Provinzhauptstadt machen, wo mit Unterstützung von World Vision riesige Zelte aufgebaut wurden, in denen sie bewacht von ugandischen Militär wenigstens in Sicherheit schlafen können, bevor sie sich morgens wieder auf den Weg zurück in die Camps machen, nicht wissend ob der Rest der Familie die Nacht ebenfalls überlebt hat. Wir haben die „Night Commuters“ (die Nachtpendler) besucht und von ihren schrecklichen Erlebnissen erfahren. Diese Kinder waren immerhin noch in der Lage, uns ihre Geschichten zu erzählen, die befreiten bzw. desertierten Kindersoldaten, die wir am darauf folgenden Tag im „Reception Center“, einer ebenfalls von World Vision unterstützten Einrichtung kennen lernten, konnten das schon gar nicht mehr. Aber was soll eine Aids-Infizierte Fünfzehnjährige mit zwei ebenfalls todkranken kleinen Bälgern einem auch schon groß erzählen, was man sich beim ersten Blick nicht ohnehin schon denken kann? Nie wieder werde ich an einem Badestrand jemanden in Flip Flops sehen, ohne an diese gemarterten Kinder zu denken, deren einziger Luxus es war solche Gummilatschen zu besitzen, um nicht auch noch barfuß die Lasten ihrer perversen Peiniger über Stock und Stein schleppen zu müssen. Ich habe furchtbare Wunden gesehen, verkrüppelte Gliedmaßen, Narben, die man nicht beschreiben kann, aber was mich verfolgt, sind die gebrochenen Augen dieser jungen Menschen, die allesamt im Alter zwischen meiner Jüngsten und meinem Zweitältesten waren.
Ich habe in diesen zweieinhalb Tagen wieder und wieder Menschen versprechen müssen, sie nicht zu vergessen und im reichen Deutschland dafür zu sorgen, dass publik wird, was außerhalb des durch Einschaltquoten und Druckauflagen eingeschränkten Blickfelds unserer Massenmedien in Afrika passiert.
Jetzt hat mir Sönke Weiss sein Buch über den Leidensweg der ehemaligen Kindersoldatin Christine geschickt und obwohl mich in Sachen Norduganda eigentlich nichts mehr schocken dürfte, muss ich gestehen, dass ich das Buch zwischendurch immer wieder beiseite legen musste um meine Fassung wiederzufinden. Ich stand plötzlich wieder im Reception Center, wo mich Michael Oruni, der damalige Leiter der Institution, geduldig über seine Arbeit unterrichtete und ich dachte natürlich auch zum tausendsten Mal an das Versprechen, das ich den Night Commuters gegeben habe.
Sönke Weiss hat jetzt einen Bericht verfasst, der einem im ersten Moment wie ein zusammenphantasierter Albtraum vorkommen kann.
Leider ist das Gegenteil der Fall, er beruht auf Tatsachen.
Aber es gibt auch Positives zu berichten, denn weil sich die LRA in letzter Zeit unter dem Druck der Armee in den Südsudan und den Kongo zurückgezogen hat, konnte World Vision die Einrichtungen für die Nachtpendler vorläufig schließen, um sich mehr auf die Resozialisierung der befreiten oder geflohenen ehemaligen Kindersoldaten zu konzentrieren.
Um einem möglichst großen Kreis von Interessierten zu ermöglichen, die genaue Entwicklung in Norduganda zu verfolgen, haben Sönke Weiss und ich gemeinsam beschlossen, diese Gulu-Homepage zu initiieren und sie unter anderem mit der Homepage meiner Band (www.bap.de) zu verlinken. Ich bin mir sicher, dass jemand der angefangen hat, sich mit dem Schicksal der Menschen dieser geschundenen Region zu befassen, unbedingt auf dem Laufenden bleiben will. Dieses Buch hier wird hoffentlich für viele der Einstieg sein.

Wolfgang Niedecken - Köln, im Juli 2006

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